"Finger hoch, wer möchte den Hauptgang?": Axel Wittlake nimmt die Bestellungen am voll besetzten Tisch auf. Die Kirchenbänke wurden umgedreht und dazwischen bunte Tische gestellt, die ein Gütersloher Architekt mit Flüchtlingen gebaut hat. - © Andreas Frücht
"Finger hoch, wer möchte den Hauptgang?": Axel Wittlake nimmt die Bestellungen am voll besetzten Tisch auf. Die Kirchenbänke wurden umgedreht und dazwischen bunte Tische gestellt, die ein Gütersloher Architekt mit Flüchtlingen gebaut hat. | © Andreas Frücht

Gütersloh Martin-Luther-Kirche: Die erste Vesperkirche in Gütersloh ist eröffnet

Die große Teilnahme am ersten Tag übertrifft die Erwartungen des Organisations-Teams bei weitem

Jeanette Salzmann

Gütersloh. Die Kirche ist voll. Randvoll. Um 12.10 Uhr steht Organisator Nils Wigginghaus im Eingang der Martin-Luther-Kirche und bittet die vielen Neuankömmlinge reihenweise um Entschuldigung, weil alle Essensmarken bereits vergeben sind. "Können wir denn noch gucken?" Ja, gucken geht. Und alle anderen sollen bitte in den nächsten Tagen wieder kommen. "Mehr als 300 Essen pro Tag schaffen wir leider nicht", sagt Wigginghaus, "auch nicht am Eröffnungstag." Die erste Vesperkirche in Nordrhein-Westfalen ist eröffnet. Bis zum 4. Februar können sich dort Menschen beim gemeinsamen Mittagessen zwischen 12 und 14 Uhr begegnen. An aufgestellten Tischen im Kircheninnenraum ist Platz für 150 Leute. "Ist das nur für Bedürftige", wird Wigginghaus gefragt. "Die Antwort lautet ja. Aber sind wir im Laufe des Lebens nicht alle mal bedürftig?" Offizielle Einladungen gab es nicht Offizielle Einladungen gibt es nicht - darauf ist verzichtet worden. Von der Verwaltungsspitze des Rathauses ist Sozialdezernent Joachim Martensmeier mit Ehefrau Gabriele da. "Und das rein privat." Statt zahlreicher Reden gibt es vorab einen Gottesdienst. Pfarrer Stefan Salzmann und Vikar Simon Schu bespielen die Kirche von allen Seiten. Die Mediziner Stefan Grollmann (Klarinette) und Klaus Windel (Orgel) helfen mit. Am Eingang der Vesperkirche steht Altbürgermeisterin Maria Unger und schüttelt ab 11.30 Uhr unzählige Hände. "Ich werde hier jeden Mittag stehen", sagt sie und freut sich über die vielen Begegnungen. "Ein Wahnsinns-Erfolg!" schwärmt sie beim Blick in den vollen Kirchenraum. Derweil wartet Pfarrer Frank Schneider, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Gütersloh, auf eine Portion Essen. Sauerbraten, Rotkohl und Kartoffeln mit Soße. "Kirche öffnet sich zur Stadtgesellschaft hin. Das finde ich sehr, sehr gut!", im Übrigen seien Tischgemeinschaften schon zu Zeiten von Jesus eine wichtige Einrichtung gewesen. Ganz unterschiedliche Menschen treffen aufeinander Silke und Peter Tönsfeuerborn haben sich nach dem Mittagessen noch mit einer Tasse Kaffee an die Seite gesetzt, um dem Geschehen weiter zuzusehen. Sie sind begeistert: "Würde man sich sonst mit so unterschiedlichen Menschen an einen Tisch zusammen setzen? Wohl eher nicht. Dabei ist das herrlich!" Dieser Meinung ist auch Waltraud Pieper: "Wir Ostwestfalen sind ja sonst eher stur und setzen uns dahin, wo möglichst keiner ist." Heute ist das anders. Jeder sitzt neben jedem und kann das genießen. Die Kontaktaufnahme fällt sichtbar leicht. Und so tafelt die Gütersloher Bevölkerung so bunt gemischt, wie sie eben auch im wirklichen Leben ist: an den Tischen im Kircheninnenraum sitzen Menschen mit Behinderung, mit Drogenproblemen, mit wenig Geld, mit viel Geld oder auch mit Migrationshintergrund. Ein Syrer hat geholfen die Sitzkissen zu nähen Sanharib Malke kommt aus Syrien und hat mitgeholfen, die vielen bunten Sitzkissen für die Vesperkirche zu nähen. Sein Gesicht strahlt vor Freude - auch wenn er selbst keine Essensmarke mehr bekommen hat. "Und wie findest du's?" fragt Nils Wigginghaus seinen Sohn Anton nach einer Stunde. Der antwortet mit einem kurzen aber kräftigen: "Nice!" Derweil hat Annette Kornblum (SPD) jemanden überzeugt, in die Vesperkirche zu gehen. Und er ist tatsächlich gekommen. "Den Namen kenne ich nicht, aber er sitzt immer an der Ecke am Kolbeplatz und bittet um Geld." "Mit der Vesperkirche wollen wir ein Zeichen gegen die fortschreitende soziale Trennung der Gesellschaft setzen", sagt Pfarrer Stefan Salzmann. Die Idee stammt aus Süddeutschland. Und scheint auch im Norden zu funktionieren. Im Video bekommen Sie einen Eindruck, wieviele Menschen vor Ort waren:

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