Als würden sie sich schon immer kennen: Vor dem ersten Aufeinandertreffen war die Gütersloherin Katharina Lindenberg (l.) nervös. Heute tauscht sie sich mit der Syrerien Houlanda Abakous und ihrem Soh Zuhir Sabbagh regelmäßig aus – häufig auch per WhatsApp. - © Lena Vanessa Niewald
Als würden sie sich schon immer kennen: Vor dem ersten Aufeinandertreffen war die Gütersloherin Katharina Lindenberg (l.) nervös. Heute tauscht sie sich mit der Syrerien Houlanda Abakous und ihrem Soh Zuhir Sabbagh regelmäßig aus – häufig auch per WhatsApp. | © Lena Vanessa Niewald

Gütersloh Patenschaft: Wie Gütersloher Flüchtlingen im Alltag helfen

Vor allem WhatsApp kann bei der Kommunikation helfen

Lena Vanessa Niewald

Gütersloh. Noori ist 24 Jahre alt und hat zwei Mütter. Eine in Afghanistan und eine Deutschland. "Frau Lisa ist wie eine zweite Mutter für mich", sagt er und grinst Lisa Lange an. Er weiß schon, was jetzt kommt. Sie hebt den Zeigefinger. "Nicht Frau Lisa, Lisa reicht doch völlig aus", sagt sie. Aber Noori lässt sich nicht abbringen. "Ich bin Frau Lisa unendlich dankbar." Lisa Lange ist und bleibt für ihn Frau Lisa. Noori ist 2015 aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Noori ist sein Nachname, da sein Vorname Lalmohamad aber so lang ist, nennen ihn alle nur Noori. Zwar hatte der heute 24-Jährige seine Frau und sein Kind damals im Gepäck, trotzdem fühlte sich die kleine Familie in Gütersloh einsam. "Ich kann mich noch genau erinnern, dass Noori eines Tages plötzlich vor mir stand", sagt Katharina Stein von der Flüchtlingsberatung der Diakonie Gütersloh, "er sagte zu mir, ich brauche so eine ’Partnertante’." Die hat er in Lisa Lange gefunden. Seit knapp eineinhalb Jahren bilden sie und Nooris mittlerweile vierköpfige Familie ein sogenanntes Patenschaftstandem. Seitdem begleitet die Rentnerin die afghanischen Flüchtlinge auf ihrem Integrationsweg. Regelmäßig besucht sie Noori, hilft bei Behördengängen, Anträgen und natürlich beim Deutschlernen. Heute spricht Noori fast fließend Deutsch, hat seinen Hauptschulabschluss in der Tasche und den Führerschein bestanden. Sein nächstes Ziel: eine Ausbildung zum Elektro- oder Kfz-Mechatroniker. "Ich habe meinen Kopf eingeschaltet und mich zusammengerissen. Ich möchte noch mehr lernen. Ohne die Hilfe von Frau Lisa wäre ich aber sicher nicht so weit gekommen", sagt Noori und lächelt wieder in Richtung Lisa Lange. Sie korrigiert ihn nicht noch mal. Dann ist sie halt Frau Lisa. "Ich verschicke häufig Fotos von Briefen per WhatsApp" Auch Rentnerin Katharina Lindenberg hat sich für ein Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe entschieden. Seit eineinhalb Jahren begleitet sie die Syrerin Houlanda Abakous. "Vor dem ersten Aufeinandertreffen war ich total aufgeregt und unsicher, wir waren uns ja fremd", erinnert sich Lindenberg. Heute ist von der anfänglichen Unsicherheit gar nichts mehr zu spüren. Houlanda Abakous und Katharina Lindenberg wirken wie Freundinnen, die sich schon lange kennen. Vor allem bei Anträgen hilft Lindenberg der Flüchtlingsmutter. "Ich mache ganz häufig Fotos von Briefen, die ich bekomme, schicke sie Katharina per WhatsApp und schreibe: Bitte hilf’ mir", sagt Houlanda Abakous und lächelt ihre Patin glücklich an. Katharina Lindenberg nickt ihr zu. Die Kommunikation via Smartphone laufe mittlerweile richtig gut. So könne die Rentnerin schnell entscheiden, wie dringend Houlanda Abakous’ Anliegen ist. "Man lernt viel Neues, das ist auch für mich oft eine Herausforderung", sagt Lindenberg. Davon kann der Gütersloher Jörg Habermann ebenfalls etliche Geschichten erzählen. Er bildet ein Patentandem mit Sawsan Rashid, die genau wie Houlanda Abakous aus Syrien nach Gütersloh geflüchtet ist. Rashid hat eine Gehbehinderung und ist und war deshalb auf besondere Hilfestellung angewiesen – vor allem, weil sie zuerst in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht war, die alles andere als barrierefrei war. "Wenn man ehrlich ist, konnte Sawsan ihr Zimmer alleine nicht verlassen, geschweige denn duschen oder irgendeine andere Form von Körperpflege betreiben", erinnert sich Habermann. Seine Frau ist mit der Syrerin damals immer in ein nahegelegenes Schwimmbad gefahren, um dort zu duschen. Seitdem hat sich einiges geändert. Mit Hilfe der Habermanns hat Sawsan Rashid eine barrierefreie Wohnung eingerichtet, ihre Deutschkenntnisse verbessert und mittlerweile arbeitet sie sogar ehrenamtlich als Übersetzerin in der Flüchtlingsberatungsstelle. "Heute erzählen wir so locker von den ganzen Erfahrungen, aber es war teilweise auch für uns echt hart", sagt Jörg Habermann rückblickend. Er sei in viele Behörden-Fallen getappt, habe sich Vieles erfragen müssen. "Mit Jobcenter und Ausländeramt hatten wir ja vorher nichts am Hut." Auch, wenn es für Jörg Habermann, der vollberufstätig ist, häufig kompliziert ist, alle Termine unter einen Hut zu bringen: Am Ende des Tages weiß er, wie viel seine Hilfe wert ist und dass es sich lohnt, sich einzusetzen. Genau wie Katharina Lindenberg und Frau Lisa.

realisiert durch evolver group