Bitte mit Blaustich: Lavendeltöne passen zum Sommertyp. Beraterin Petra Becker (r.) ist zufrieden mit ihrer Auswahl. Und Maike Drees scheint der kühle Ton ebenfalls zu gefallen. - © Andreas Frücht
Bitte mit Blaustich: Lavendeltöne passen zum Sommertyp. Beraterin Petra Becker (r.) ist zufrieden mit ihrer Auswahl. Und Maike Drees scheint der kühle Ton ebenfalls zu gefallen. | © Andreas Frücht

Gütersloh Diese zwei Gütersloher Modegeschäfte bieten persönliche Shopping-Berater an

Klingenthal entdeckt die Stil- und Farbberatung neu. Das Modehaus Finke vertieft mit individuellen Dienstleistungen den Kontakt zur Kundschaft

Heidi Hagen-Pekdemir

Gütersloh. Der Einzelhandel steht unter Druck. Onlineanbieter wirbeln auch die Modewelt mächtig durcheinander. Lokale Unternehmen reagieren darauf - mit Dienstleistungen, die das Internet in dieser Form nicht bieten kann. Auf Stil- und Farbberatung als Mittel zur Kundenbindung setzt Klingenthal. Im Grunde ein alter Hut aus den 1980er Jahren und heute noch Lehrstoff weniger Volkshochschulkurse auf dem Lande. Bringt's das? "Auf jeden Fall", sagt Petra Becker. Seit drei Jahren steht die Einzelhandelskauffrau in dem Modehaus am Kolbeplatz den Frauen und vereinzelt auch Männern zur Seite, wenn es um die Zusammenstellung ihrer Outfits geht. Doch vor der Beratung gilt es, den Typ der Ratsuchenden zu bestimmen. Sitzt da ein Frühlings- ein Sommer-, Herbst oder gar ein Wintertyp vor Petra Becker? Für Jogpants fehlte einer Kundin vom Dorf der Mut Ein Raum ohne Fenster. Die Beraterin bittet vor einen Spiegel, Leuchtleisten rechts und links spenden kaltes Licht. Tageslicht, sagt Becker. In der Hand hält sie eine Auswahl farbiger Stoffe, Beratungstücher. Die richtige Farbe könne sogar Fältchen wegmogeln, erklärt die Expertin und legt mir ein Quadrat in warmem Gold um die Schultern. Kopfschütteln. Schnell wechselt sie zu Silber. Das Ergebnis gefällt ihr. Der kalte Glanz passe doch perfekt zu Teint und Haarfarbe. Und damit ist klar: Ich bin ein Sommertyp. Das heißt konkret: Künftig sollte ich beim Einkauf kühle Töne bevorzugen. Rosa funktioniere auch. Doch müsse dieser Ton stets mit Blau und niemals mit Gelb unterlegt sein. Und woran, bitteschön, kann die farbtechnisch unbedarfte Kundin diesen Unterschied erkennen? "Legen Sie die Farben nebeneinander und vergleichen Sie", empfiehlt Becker. Orientierungshilfe gibt später beim Einkauf ein Farbfächer, abgestimmt auf den jeweiligen Typ, von Sommer bis Winter. Beckers Kundschaft: Überwiegend Frauen zwischen 17 und 80 Jahren. Unter den Männern häufig Berufsanfänger, die sich für den Job angemessen ausstatten wollen. Nach dem Farbtest lässt Becker in der jeweiligen Abteilung die passenden Outfits zusammenstellen. Bei der Anprobe geht es dann auch darum, den Kunden Mut zu machen. Mut zur Mode. "Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude sind nicht bei jeder Frau selbstverständlich", weiß Becker. So wie bei der Kundin, die im Geschäft noch begeistert war von einer Jogpant. Doch schon wenige Tage später brachte sie das Teil zurück. Die Dame lebt auf dem Dorf. Mit ihrer extravaganten Hose war sie dort sofort aufgefallen. Dieses Modell zu tragen - dazu fehlte ihr letztendlich der Mut. In der Schneiderei entsteht aus zwei Kleidern ein neues Farb- und Stilberatung - für Silke und Markus Finke ist diese Art Dienstleistung kein Thema. "Wir orientieren uns an den aktuellen Wünschen unserer Kunden und nicht an den Ergebnissen von Typanalysen", sagt der Modehändler. Das Ehepaar empfängt an der Königstraße in der Herrenabteilung an der Kaffeebar in der ersten Etage. Die Festlegung auf einen bestimmten Typ könne die Kundin "in eine Ecke drängen, aus der sie nicht wieder herauskommt". In dem über 80 Jahre alten Familienunternehmen kennen die Mitarbeiter ihre Kunden - und umgekehrt. Die Verkäuferin erfährt etwa, zu welchem Anlass die Kundin das gewünschte Kleid tragen möchte. Und sie weiß häufig auch, dass schon eine andere Dame dieses Outfit für denselben Event gekauft hat. In solchen Situationen hilft, so Finke, nur eins: Offen darüber sprechen. "Schließlich wollen wir beide Frauen vor einer peinlichen Situation bewahren." Selbst wenn bei dieser Gelegenheit ein Geschäft nicht zustande käme - das Vertrauen sei es, das langfristig die Kunden an ihr Unternehmen binde. Zur Kundenbindung setzt das Modehaus unterschiedliche Serviceleistungen ein. Wer etwa die neuen Kleider lieber zu Hause aussucht, bekommt eine Auswahl dorthin geliefert. Soll ein Teil geändert werden, geschieht das in der hauseigenen Schneiderwerkstatt. Ärmel werden an zuvor ärmellose Kleider angenäht und, wie schon geschehen, aus zwei Kleidern ein neues zusammengesetzt. "Bei allem, was wir an Dienstleistungen anbieten, ist wichtig, dass die Kundschaft diese Art von Service auch zu schätzen weiß", sagt Markus Finke. Noch gibt es diese Kunden.

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