Fühlen sich wohl: Die Wanderfalken nahe der Autobahnraststätte Gütersloh brüten in 60 Metern Höhe - eines von nur wenigen Paaren im Kreis Gütersloh. - © Heinz Mertineit
Fühlen sich wohl: Die Wanderfalken nahe der Autobahnraststätte Gütersloh brüten in 60 Metern Höhe - eines von nur wenigen Paaren im Kreis Gütersloh. | © Heinz Mertineit

Gütersloh Drei Wanderfalken an Windrad geschlüpft - trotz drehender Rotorblätter

Ein Institutsleiter sieht den Brutkasten dennoch kritisch

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Windräder schreddern Vögel - so die landläufige Ansicht vieler Menschen. Dass solche Anlagen jedoch auch Lebensraum für Vögel bieten können, beweist jetzt ein Brutpaar von Wanderfalken. Es zog an der Windkraftanlage am Gütersloher Brockweg, nahe der Autobahnraststätte, drei Jungfalken flügge. Nach Angaben von Tierschützern ließen sie sich von den Rotorbewegungen in keiner Weise stören. "Es war faszinierend, das zu beobachten", sagte Franz Thiesbrummel, Leiter des Naturschutzteams Gütersloh. Während der Jungenaufzucht habe man sehen können, wie zielsicher die Altvögel mit Futter in den Krallen den Brutkasten ansteuerten. "Sie flogen einfach unbekümmert durch die Rotorblätter hindurch." Die verbreitete Annahme, Windkraftanlagen und Vogelschutz seien ein Widerspruch, sei also zu korrigieren, zumindest aber zu differenzieren. Thiesbrummel sagte, an der Anlage am Brockweg seien bereits seit deren Bau 2003 jedes Jahr junge Turmfalken ohne Verluste flügge geworden. Angebracht hatte den Kasten der Rietberger Falknermeister Helmuth Schierl, Fachmann für Greifvögel im Kreis Gütersloh. Der Kasten hängt auf etwa halber Höhe 60 Meter über der Grasnarbe. Dass nun erstmals Wanderfalken den Platz besetzt haben, freut die beiden Fachleute besonders. Da die Altvögel einen Ring tragen, wisse man auch etwas über deren Herkunft. So wurde das Männchen 2013 in Hamm-Uentrop als Jungvogel beringt und das Weibchen im selben Jahr in Herne. Die Brutzeit der Wanderfalken im Frühjahr beträgt 33 bis 38 Tage, nach rund sechs Wochen sind die Jungfalken flügge. Schierl und Mitglieder des Naturschutzteams hatten den Brutplatz am Windrad regelmäßig beobachtet, weil die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis Gütersloh die Sorge geäußert hatte, die Jungvögel könnten von den Rotorblättern erschlagen werden. "Wir können sagen, dass diese Bedenken zumindest auf diesen Standort nicht zutreffen", sagte Thiesbrummel. Man habe sehen können, wie geschickt sich die Jungvögel an der Windkraftanlage verhalten, selbst wenn sich die Rotoren drehten. Der Waldrand mit den hohen Pappeln und einer trockenen Eiche sei schnell zum Hauptansitz geworden, die Anlage sei tagsüber und nach Anbruch der Dunkelheit zum Übernachten angeflogen worden. "Windräder sind gefährlich" Für den Ornithologen Dr. Hermann Hötker, Leiter des Michael-Otto-Institutes im Naturschutzbund, ist der Gütersloher Fall keineswegs überraschend. Es komme sogar relativ häufig vor, dass Wanderfalken und andere Greifvögel Windräder besiedelten. Da sie über Jahrtausende in dieser Flughöhe keine Gefahr befürchten mussten, hätten sie keine natürliche Scheu entwickelt, also auch vor Rotorblättern nicht. Die Folge: "Gerade Greifvögel fallen den Windrädern überproportional zum Opfer." Hötker erforscht seit rund 15 Jahren für das Bundesumweltministerium und andere öffentliche Auftraggeber den Zusammenhang zwischen Windkraftanlagen und Vogelwelt. "Windräder sind gefährlich", sagt er. "Aber man muss das Thema differenziert sehen. Die Einschätzung der konkreten Gefahr hängt immer vom Standort und der jeweiligen Vogelart ab." Bei 80 bis 90 Prozent sei der sogenannte "Vogelschlag" so gut wie kein Problem. Insofern sei die verbreitete Annahme, Windräder seien Schreddermaschinen, nicht zu halten. Konkrete Zahlen über den Verlust von Vögeln seien leider kaum ermittelbar, so Hötker. Zwar dokumentiert die Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg seit 1989 in einer zentralen Datenbank bundesweit alle Meldungen über tot aufgefundene Vögel, jedoch sei Folgendes zu berücksichtigen: "Was man findet, ist mitnichten das, was verunglückt ist." Füchse, Dachse oder andere Aasfresser machten sich über die Leichen her, und meistens seien die toten Vögel im Gebüsch auch kaum zu finden. Gleichwohl ließen die Zahlen der Brandenburger Vogelschutzwarte den Schluss zu, dass Greifvögel besonders gefährdet sind: Rotmilane, Mäusebussarde und Seeadler führen die Statistik der tot aufgefunden Vögel an - und das, obwohl sie im Vergleich zu Spatzen, Tauben oder Feldlerchen nur eine verschwindend geringe Zahl ausmachen. In Schleswig-Holstein, so Hötker, sei der Bestand an Mäusebussarden mittlerweile derart dezimiert, dass eine kritische Größe erreicht sei. An einem Windrad einen Brutkasten für Falken anzubringen, halte er grundsätzlich für keine besonders gute Idee, sagte der Institutsleiter. "Es kann schon sein, dass die meisten Vögel davonkommen, dennoch finde ich die Gefahr einfach zu hoch." Thiesbrummel und Schierl sehen das freilich anders.

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