Angriff auf die Sexualität: An dieser Haltestelle an der Brockhäger Straße wurde ein schwuler Mann mit Eiern beworfen. - © Michael Schuh
Angriff auf die Sexualität: An dieser Haltestelle an der Brockhäger Straße wurde ein schwuler Mann mit Eiern beworfen. | © Michael Schuh

Gütersloh Homosexueller wird an Bushaltestelle in eine Falle gelockt

Ein 42-jähriger Gütersloher wird von Schwulenhassern über ein Datingportal in eine Falle gelockt und mit Eiern und Steinen beworfen

Jens Ostrowski

Gütersloh. Stefan T. (Name von der Redaktion geändert) steckt der Schrecken noch immer in den Gliedern. Der 42-jährige Gütersloher wurde am Montagabend von mehreren Schwulenhassern in eine Falle gelockt – mit Eiern und Steinen beworfen. „Ich habe Angst und Panik, dass die mich nochmals aufsuchen könnten", sagt er. Die Masche ist perfide: Stefan lernt einen 22-jährigen Mann auf einer Datingplattform kennen. Auf den Profilbildern ist ein sympathischer Mensch namens Uwe zu erkennen – und es gibt auch einen Link zu dessen angeblichem Facebook-Profil. Die beiden telefonieren sogar, verabreden sich schließlich für ein Date. „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt einen Grund, an den aufrichtigen Absichten dieser Person zu zweifeln", sagt Stefan. Im Nachhinein aber wird klar, weshalb sein angebliches Date so sehr auf den Treffpunkt – die Bushaltestelle an der Brockhäger Straße – pochte. Es ist der Ort, an dem die Täter den 42-Jährigen haben wollen. Aus der Dunkelheit heraus wird er mit Eiern beworfen. „Im ersten Moment dachte ich, dass es sich hier um einen Scherz von Kindern handelt und habe mich einfach ein Stück abseits der Haltestelle gestellt", erzählt Stefan. Beruhigend wirkt auf ihn, dass kurz darauf sein Handy klingelt. Doch auch dieser Anruf gehört zur Masche. „Uwe wollte wissen, ob ich schon vor Ort sei. Als ich ihm von den Eierwürfen erzählte, schlug er einen anderen Treffpunkt vor, nahe der Gaststätte Rioja", sagt Stefan. Als er dort ankommt, fliegen erneut Eier. Und diesmal auch Steine, die Gott sei Dank ihr Ziel verfehlen. Mehrere Leute rufen: „Da ist die schwule Sau!" und „Macht die Schwuchtel fertig!" Für Stefan ist jetzt klar, dass es jemand auf ihn abgesehen hat. Als er losrennt, wird er noch ein ganzes Stück von mehreren Personen verfolgt, ehe er sie abhängen kann. Noch am selben Abend berichtet er zwar der Polizei von dieser Tat, eine Anzeige stellt er aber nicht – aus Selbstschutz. „Denn kommt es zu einem juristischen Verfahren, wissen die Täter meine Adresse", sagt Stefan. Sofort aber gibt er auf dem Datingportal, in dem er in die Falle gegangen war, eine Warnung heraus. Mehrere andere Männer melden sich und berichten von gleichen Erfahrungen. Immer wurden sie zur Bushaltestelle an der Brockhäger Straße gelockt. Der Polizei aber sind die Hände gebunden, denn keiner der Geschädigten hat bislang Anzeige erstattet, sagt Sprecher Karl-Heinz Stehrenberg auf Nachfrage der NW. Die Sorge vor Repressalien ist groß. Dabei gäbe es durchaus Ermittlungsansätze. Die Handynummer beispielsweise, über die Stefan mit Uwe kommuniziert hat. Mehrfach versucht er nach dem beschriebenen Vorfall, seinen Peiniger zu erreichen. Dass niemand mehr antwortet, ist keine Überraschung. Interessant aber: „Ich habe überprüft, ob es ein Whats-App-Profil zu dieser Handynummer gibt." Auf dem Foto habe Stefan einen jüngeren südländisch wirkenden Mann im Trikot einer türkischen Fußballmannschaft erkennen können. Detlef Kerkhoff von der Elterngruppe OWL des Bundesverbands der Eltern, Freunde und Angehörige von Homosexuellen zeigte sich gestern entsetzt über den Vorfall an der Brockhäger Straße. „Ich dachte eigentlich, dass wir in Gütersloh so weit sind, dass unsere homosexuellen Kinder mittlerweile unbesorgt durch die Straßen gehen können." Bundesweit erkenne er aber seit einiger Zeit eine Stagnation bei der Toleranz für Schwule und Lesben. Auslöser für homophobe Ausbrüche sieht er auch in den aktuellen und kontroversen Diskussionen. Beispielsweise darüber, ob Homosexualität künftig auch eine Rolle im Schulunterricht spielen solle oder auch in der öffentlich ablehnenden Haltung der Orthodoxen Kirche. Auch wenn eine polizeiliche Anzeige für Stefan M. aus Sicherheitsgründen nicht infrage kommt, will er andere schwule Männer vor dieser Masche warnen. Deshalb habe er sich an Radio Gütersloh und die NW gewandt.

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