Ehrentag für das bequeme Beinkleid: Am 21. Januar ist der "Internationale Tag der Jogginghose". - © picture alliance / dpa
Ehrentag für das bequeme Beinkleid: Am 21. Januar ist der "Internationale Tag der Jogginghose". | © picture alliance / dpa

Gütersloh Tag der Jogginghose: Zwischen Bollerbuchse und Haute Couture

Mode: Am heutigen „Internationalen Jogginghosentag“ soll das bequeme Beinkleid zumindest für 24 Stunden aus seinem Schattendasein befreit werden. Denn obwohl viele Designer die Jogginghose für sich entdeckt haben, bleibt sie als Kleidungsstück für den Alltag umstritten

Christine Panhorst
Luis Garcia Marquez

Gütersloh. Jeder kennt sie, fast jeder hat sie: die Jogginghose. Für die einen ein sportlicher Allrounder, für die anderen ein modisches No-Go und höchstens für die Couch geeignet. 2015 zählte die Jogginghose dann aber plötzlich zu den Top-Trends und eroberte die Laufstege. Unter Jugendlichen wurde das Für und Wider rund um die Buchsen angeheizt, als eine Schule in Baden-Württemberg das Tragen von Jogginghosen untersagte – mit dem Argument, dass die Schule keine Chillout-Zone sei. NW-Mitarbeiter Luis Garcia Marquez fragte bei zwei Gütersloher Schülern nach, was sie davon halten. „Jogginghosen passen nicht zur Schule" Der 15-jährige ESG-Schüler Luk Wiedemann spricht sich gegen Jogginghosen aus. Luk, wieso trägst du keine Jogginghose? Luk: Für mich war es schon seit der ersten Klasse selbstverständlich, Jeanshosen zu tragen. Und ich sehe nicht die Notwendigkeit, dies zu ändern. Außerdem finde ich, dass die Schule nicht der richtige Ort für Jogginghosen ist. In der Schule ist man, um zu lernen, während Jogginghosen zum „Chillen" sind. Und das passt meiner Meinung nach nicht zusammen. Was hältst du von Leuten, die ständig mit Jogginghosen in der Schule auflaufen? Luk: Die meisten Leute kenne ich nicht persönlich, also kann ich das schwer beurteilen. Auf den ersten Blick wirken sie ein wenig ungepflegt. Aber wenn man die Person kennenlernt, merkt man, dass dies nicht so ist und der erste Eindruck täuschte. Ein Freund von mir trägt auch häufig Jogginghosen und ist sehr nett und zuverlässig. Dies zeigt, dass das Äußere nichts über den Charakter aussagt. Trägst du überhaupt Jogginghosen? Und wenn ja, wann? Luk: Ja, klar trage auch ich Jogginghosen. Meistens zu Hause, ganz standardmäßig wie die meisten unter uns. Natürlich auch zum Sport. Und manchmal auch, wenn ich zu Freunden gehe, also dann auch in der Öffentlichkeit. Kannst du dir vorstellen eine Woche lang in Jogginghose zur Schule zu kommen? Luk: Ja, zumal ich ja nicht der einzige wäre der Jogginghosen trägt. Ich denke, dass es auch niemanden stören würde. Wie findest du eine Kleiderordnung an deiner Schule? Luk: Einer einheitlichen Schuluniform, wie zum Beispiel in England, stehe ich kritisch gegenüber, denn jeder sollte selbst entscheiden, was er anziehen möchte. Befürworter einer Schuluniform meinen zwar, dass dadurch Mobbing verhindert wird, weil Markenkleidung den Wert verliert, jedoch lassen sich dennoch durch andere Statussymbole, wie beispielsweise Schmuck oder Smartphones, finanzielle Unterschiede erkennen. Und was hältst du von einem Dresscode? Luk: Die Idee finde ich gar nicht mal schlecht, denn dadurch wird sichergestellt, dass sich die Schüler angemessen kleiden, aber dennoch Individualität herrscht. Es kommt aber nur sehr selten vor, dass sich Schüler komplett unpassend anziehen. Dadurch würde dieser Dresscode eigentlich kaum benötigt. „Die Bequemlichkeit ist es mir wert" Ein Freund der Jogginghose ist der 15-jährige ESG-Schüler Stephan Lechler. Stephan, wieso trägst du lieber Jogginghosen als Jeanshosen? Stephan: Der erste Grund ist definitiv die Bequemlichkeit, zudem haben Jogginghosen den Vorteil, dass sie deutlich wärmer als Jeanshosen sind, was gerade im Winter eine gute Sache ist. Was halten andere von deinem Jogginghosen-Style? Stephan: Es ist oft so, dass auch Freunde sagen, es gehöre sich nicht in der Schule mit einer Jogginghose aufzutauchen. Aber man kennt mich nicht ohne Jogginghose. Viele sagen, Jogginghosen sähen einfach „assi" aus, aber andererseits akzeptieren es auch viele. Von Erwachsenen habe ich persönlich noch nie negative oder beleidigende Kommentare erhalten – oder überhaupt Kommentare. Trägst du wirklich immer Jogginghosen? Stephan: Nein, natürlich trage ich nicht immer Jogginghosen. Zum Beispiel während meines Praktikums, wenn ich in die Stadt fahre oder ins Rathaus, muss um beispielsweise meinen Personalausweis abzuholen. Die Gesellschaft hat einfach noch nicht anerkannt, dass auch eine Jogginghose ein normales Kleidungsstück ist. Wenn Jogginghosen an deiner Schule verboten wären, würdest du dich in deiner Individualität eingeschränkt fühlen? Stephan: Ja, auf jeden Fall. Es ist einfach mein persönlicher Stil. Und den möchte ich mir nicht nehmen lassen. Denn Jogginghosen sind ein normales Kleidungsstück, bloß mit einem schlechten Ruf. Wenn man in verschiedene Läden guckt, wird man feststellen, dass es Jogginghosen gibt, die durchaus auch für den Alttag gedacht sind. Was hältst du von einer Kleiderordnung an deiner Schule? Stephan: Ich bin gegen eine einheitliche Schulkleidung, denn das würde mir ganz klar den Spaß an der Schule nehmen. Jeden Morgen die selben Anziehsachen anzuziehen, würde das Schulleben viel monotoner und langweiliger machen. Eine Art Dresscode, der bestimmte Kleidungsstücke verbietet, fände ich nicht schlecht, ist in meinen Augen an den meisten Schulen jedoch nicht nötig. Was Schulleitungen und Modehäuser sagen An der Jogginghose scheiden sich die Geister. Nicht nur in der Schülerwelt. Die Stilfrage „Jogginghose oder nicht?" beschäftigt längst auch die Erwachsenen – und die internationalen Modemacher. Karl Lagerfeld hielt mit seiner Abneigung nicht hinter dem Berg: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren". Auch wenn er sie gerne hätte, die Deutungshoheit über die Modetauglichkeit der Baumwollbuchse hat der deutsche Moderzar nicht – und dennoch nicht ganz unrecht, meint Maro Beckert, Herrenausstatter bei der Maßschneiderei Kleegräfe und Strothmann in Isselhorst. Er hat bei einer Modemesse in Florenz gerade erst ein paar exklusive Exemplare vorgeführt bekommen. Eingekauft hat er die Buchsen nicht. Denn auch wenn sie edel daher kommen, von ihrer Alltagstauglichkeit ist Beckert nicht überzeugt. „Bei uns wird dieser Trend kaum nachgefragt, den gibt es vor allem auf den Laufstegen." Dort hat sich trotz Lagerfelds offen bekundeter Abneigung die Jogginghose etabliert und das Schlabberlookimage hinter sich gelassen. Doch auch kombiniert mit Sakko und Hemd ist der Look bei den Kunden an der Basis nicht sehr beliebt. „Die Verkaufszahlen sind allgemein gering", weiß Beckert. Lässigkeit – ohne Jogginghose – sei dagegen Trend. „Anzüge werden locker und lässig kombiniert mit Sneakern, Baumwollhosen, Jeans." Wer weg vom allzu Formellen möchte, hat also reichlich Alternativen zur Sportbuchse – auch in der Schule. Schülergruppen, die sich in Jogginghosen auf den Weg zum Unterricht machen, das sei weiterhin ein Bild mit Seltenheitswert, sagen Schulleiter weiterführender Schulen in Gütersloh. In den meisten Schulen im Kreis sieht es in Sachen Kleiderordnung sehr ähnlich aus. Eine Art Dresscode, der bestimmte Kleidungsstücke verbietet, ist unüblich und offenbar auch unnötig, wie am Beispiel des Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) deutlich wird. „Eine solche Regel wurde von keiner Seite gefordert. Weder von Lehrern oder Schülern, noch von Eltern", sagt Thomas Rimpel, kommissarischer, stellvertretender Schulleiter. Die meisten Schüler kleideten sich ohnehin stets angemessen, sagt auch Andreas Stork, Schulleiter der Gesamtschule Harsewinkel. Falls nicht reiche ein Gespräch. Auch die Gruppendynamik spiele eine Rolle. „Wenn alle Schüler Jeanshosen tragen, überlegt man es sich zweimal, ob man als einziger mit einer Jogginghose erscheint", meint Stork.

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