Es gibt viele Möglichkeiten, abhängig zu werden: Drogenberaterin Britta Ewers weiß, welche Stoffe süchtig machen. Dazu zählen beispielsweise auch Klebstoff und Computerspiele. - © J. Herrmann
Es gibt viele Möglichkeiten, abhängig zu werden: Drogenberaterin Britta Ewers weiß, welche Stoffe süchtig machen. Dazu zählen beispielsweise auch Klebstoff und Computerspiele. | © J. Herrmann

Drogenberatung: "Man kann auch süchtig nach Sport sein"

Anlässlich der derzeitigen Aktionstage "Sucht hat immer eine Geschichte" erklärt Drogenberaterin Britta Ewers (43), den Drang sich zu berauschen. Jugendliche seien besonders gefährdet, sagt sie - und hat für Eltern wertvolle Tipps parat

Jan Herrmann

Warum konsumieren Menschen Drogen?
Britta Ewers:
Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen ein Suchtmittel konsumieren. Etwas vereinfacht ausgedrückt streben wir danach, mit Hilfe dieses Mittels wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Und diese Wiederherstellung der inneren Balance ist ja zunächst erst mal ein durchaus menschliches Bedürfnis.

Gerade Jugendliche gelten als sehr anfällig für Drogenerfahrungen.
Ewers:
Die Pubertät ist eine schwierige Phase. Jugendliche entwickeln ihre Identität und suchen ihre Rolle in der Gesellschaft. Der Konsum von Drogen kann Ausdruck einer allgemeinen Verweigerungshaltung sein, oder auch als Abgrenzung von den spießigen Idealen der Eltern verstanden werden. Manchmal führt auch ein Gefühlschaos dazu, dass Jugendliche sich berauschen.

Information

Beratung


  • Britta Ewers, Sozialpädagogin und Sozialtherapeutin, ist bei der Caritas Gütersloh in der Sucht- und Drogenhilfe tätig.
  • Beratungen für Betroffene gibt es in der Roonstraße 22, per Tel. (0 52 41) 99 40 70 und unter suchtberatung
@caritas-guetersloh.de).

Ist es denn dann schon Sucht?
Ewers:
Nein. Wir unterscheiden verschiedene Stufen. Bei Jugendlichen ist es in der Regel ein Missbrauch von Substanzen wie Alkohol oder Cannabis. Wenn ein Junge oder Mädchen beispielsweise so viel trinkt, dass eine Alkoholvergiftung eintritt, ist das natürlich keine Sucht, sondern schwerer Missbrauch. Sucht kommt erst viel später.

Ab wann ist es Sucht?
Ewers:
Wenn ich nicht mehr ohne kann. Wenn ich mich nicht mehr entspannen kann, ohne einen Joint zu rauchen. Oder, wenn ich nicht mehr abschalten kann, ohne Sport gemacht zu haben. Es kann auch eine Sucht vorliegen, wenn ich Schule oder Freunde komplett vernachlässige und mich aus dem Alltag zurückziehe. Treten sogar körperliche Entzugserscheinungen auf, liegt definitiv eine Sucht vor.

Was können Eltern tun, um ihr Kind vor Suchtverhalten zu bewahren?
Ewers:
Jugendliche sollten Strategien haben, um mit negativen Gefühlen umzugehen. Gehe ich vielleicht joggen? Höre ich laut Musik? Finde ich Halt bei Familie und Freunden? Wie gut ist der Zugang zu mir selbst? Kinder sollten die Chance gehabt haben, sich in ihrer Freizeit auszuprobieren und sich auch körperlich zu erleben. Wichtig ist auch, dass es immer noch eine Kommunikationsebene zwischen Eltern und Kindern gibt. Es schadet auch nicht, wenn sich Eltern mal für ein Computerspiel interessieren, das bei Jugendlichen angesagt ist.

Sind Eltern da nicht Vorbild?
Ewers:
Natürlich, und das ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich mir häufiger mal ein Feierabendbier genehmige und meine Freizeit am liebsten auf der Couch verbringe, ist es schwierig, mein Kind zu einem aktiven Freizeitverhalten zu animieren. Außerdem sollte auch bei Kindern möglichst vermieden werden, Trost immer mit einer anderen Substanz - wie etwa Süßigkeiten - zu verbinden. Das kann schon die Basis für eine bestimmte Denkweise legen.

Wann sollten Eltern denn bei ihren Kindern einschreiten?
Ewers:
Das ist immer eine Gratwanderung. Man sollte jedenfalls nicht gleich schimpfen, wenn es mal betrunken nach Hause kommt. Trotzdem sollte man das Verhalten des Kindes weiter im Auge behalten. Meistens kann man auch seinem Bauchgefühl trauen. Wenn man das Kind dann anspricht, sollte es in einer ruhigen Atmosphäre passieren. Trotzdem sollten Eltern eine klare Haltung entwickeln.

Wonach können Menschen denn süchtig werden?
Ewers:
Wir unterscheiden zwischen stofflichen und nichtstofflichen Süchten. Man kann auch süchtig nach Sport oder Sex sein, es müssen nicht gleich Drogen sein. Auch Spielsucht oder Medikamentensucht sind verbreitet. Computerspiele sind auch ein Riesenthema. Deshalb ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen entsprechende Kompetenzen zu vermitteln.

Ist Sucht Charakterschwäche?
Ewers:
Nein, definitiv nicht. Suchtverhalten ist eine Krankheit, und der Abhängige benötigt professionelle Hilfe.

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