Gütersloh Brandungsfischen ohne Brandung

Alle zwei Wochen heißt es am Hof Kruse in Isselhorst "Petri Heil!"

Eike J. Horstmann

Gütersloh. Der Blick des Anglers geht in die Ferne, als er das an der Leine befestigte Bleigewicht hinter sich ablegt. Dann holt er Schwung. Im hohen Bogen wirft Bodo Fletemeier seine Rute nach vorne, die Kurbel surrt und das Gewicht fliegt davon. Doch statt in die wogenden Wellen der See einzutauchen, bohrt es sich rund 150 Meter weiter tief in matschigen Ackerboden. Denn Fletemeier und seine Mitstreiter werfen ihre Angeln nicht an der Küste, sondern in Isselhorst aus. "Surfcasting" nennt sich die Sportart, zu der sich die Angelfreunde jeden zweiten Sonntagmorgen auf einem Feld beim Hof Kruse zu treffen. Auf Deutsch heißt das grob übersetzt "Brandungsangeln" - auch wenn von der Brandung weit und breit nichts zu sehen ist. Entsprechend verwundert sind daher auch einige Spaziergänger, die am Trainingsplatz vorbeikommen und staunend auf die fein säuberlich aufgereihten, rund vier Meter langen Ruten gucken. An die Sprüche und Kommentare einiger besonders vorwitziger Zeitgenossen hat sich Bodo Fletemeier schon gewöhnt. "Wir sagen dann, dass wir Fliegenfischer sind oder Jagd auf Maulwürfe machen", sagt der 46-Jährige grinsend. Eine Juxveranstaltung ist das in Isselhorst veranstaltete Surfcasting aber keineswegs. Die im Schnitt acht bis zehn Angler üben die richtige Wurftechnik, mit der sie dann am Meer - vorzugsweise an der Ostsee - auf die Jagd nach Plattfischen, Dorschen oder Meerforellen gehen. Dabei erzielen sie mit ihren Bleigewichten erstaunliche Weiten: Der Rekord in Isselhorst liegt bei 199 Metern - geworfen an einem absoluten Ausnahmetag, wie Fletemeier betont. "Die 200 Meter sind bei uns die magische Grenze", sagt der CNC-Fräser und Programmierer. "Die Profis erreichen aber sogar Weiten von mehr als 270 Metern." Die bis zu 250 Gramm schweren Bleigewichte werden dabei zu einem richtiggehenden Geschoss, weshalb die Angler ihrem Hobby nicht überall nachgehen können. "Bis vor vier Jahren haben wir auf dem Gelände des LAZ geübt", sagt der gebürtige Marienfelder. "Aber das hat sich als zu gefährlich herausgestellt." Entsprechend glücklich sind die Surfcaster darüber, dass sie am Hof Kruse einen Acker zum Üben zur Verfügung haben. "Solche Plätze sind sehr selten, weshalb auch Leute aus Soest, Bad Essen oder Coesfeld zu unseren Treffen kommen", so Fletemeier. Auch für die Hersteller der Angeln sind die Trockenübungen von Interesse. Denn während die Sportfischer am Meer nur äußerst schwer abschätzen können, wie weit sie gekommen sind, können sie auf dem Acker genau nachmessen. Und nicht zuletzt ist es der sportliche Aspekt, der für die Brandungsangler die Faszination ihres Hobbys ausmacht. "Man hält sich fit dabei, vor allem der Rücken wird trainiert", sagt Fletemeier, der seit seinem sechsten Lebensjahr angelt und mit 19 Jahren dem Brandungsangeln verfallen ist. Die gesellige Trainingsrunde in Isselhorst ist für die Surfcaster allerdings kein Ersatz für das Angeln am Meer - eher ein Vorgeschmack. "In der Saison bin ich alle zwei Wochen an der See", sagt Fletemeier mit leicht sehnsüchtigem Unterton. "Wenn man am Meer steht und bis zum Horizont nur noch Wasser vor sich sieht, und da aus den riesigen Wellenbergen einen Fisch rauszukriegen - das ist einfach nur begeisternd."

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