Gütersloh Blattmacher auf Egotrip

"Seite eins" in Gütersloh mit Ingolf Lück uraufgeführt / Theaterleiter Christian Schäfer führt Regie

von Heike Sommerkamp

Der gebürtige Bielefelder Ingolf Lück gibt in Seite eins den skrupellosen Boulevardjournalisten und begeistert das Publikum. - © FOTO: VOLKER ZIMMERMANN
Der gebürtige Bielefelder Ingolf Lück gibt in Seite eins den skrupellosen Boulevardjournalisten und begeistert das Publikum. | © FOTO: VOLKER ZIMMERMANN

Gütersloh (NW). Die junge Sängerin Lea möchte kein Vermarktungsprodukt sein, aber Marco braucht dringend eine Titelstory. Ist er ein edler Ritter im Dienste der Wahrheit wider die Tyrannei der Gutmenschen – oder doch eher ein gewissenloser Windhund auf der Suche nach der nächsten realitätsunabhängig zurechtgezimmerten Mega-Schlagzeile?

Der mittelalte Typ im mittelgrauen Anzug mit kabellosem Bluetooth-Stick am Ohr, den Ingolf Lück in "Seite eins", einem "Stück für einen Mann und ein Smartphone" des Berliner Autors Johannes Kram mit schmierigem Charme und poetryslamtauglichen Wortkaskaden fesselnd personifiziert, wirkt zugegebenermaßen wenig vertrauenerweckend. Aber er plaudert so sendungsbewusst mit dem Off über seine Mission – vielleicht glaubt er sogar selber daran? Die seriösen Medien und alle Gutmenschen sind für ihn das Böse, während er als Boulevardjournalist der Wahrer der ganzen, der unbereinigten Wahrheit ist.

Parallel erleben die Besucher der Uraufführung im ausverkauften Theater, wie Marco die nette junge Sängerin, die nur über ihr erstes Album reden möchte, scheinheilig immer weiter in die Enge treibt und hintergeht, um sie auf der Titel eines Boulevardblatts als skrupellose Showbusiness-Karrieristin zu präsentieren. "Hier ist alles drin, Liebe, Geld, Macht, Vaterland", freut er sich über die Story. Wen außer Lea sollte es stören, dass er ihre private Seite darin frei erfunden hat?

Auf der leeren Bühne – als Hinterwand fungiert eine garagentorartige graue Lamellenwand – befindet sich nur Marco und sein Smartphone, nach der Pause kommt noch ein Stuhl hinzu. Die Imagination der Zuschauer funktioniert in der bewussten Leere um so intensiver: Jeder erdenkt sich nach den Eckdaten "hübsch, unschuldig, ein bisschen wie die Romy früher" seine eigene Lea.

Wahrheit und Gerechtigkeit haben in Johannes Krams Stück offenbar Pause: Im zweiten Teil erlebt das Publikum, wie Marco die unsicht- und unhörbare Lea so lange bedrängt, bis die nächste komplett erlogene Titelgeschichte in Druck gehen kann – diesmal sogar mit dem widerstrebenden Einverständnis der Erpressten. Denn nachdem zwölf Millionen Menschen gelesen haben, was Marco über Lea zusammenphantasiert hatte, gilt sie als "Person der Zeitgeschichte", was ihr Persönlichkeitsrecht auf Privatsphäre erheblich einschränkt.

"Boulevardjournalismus ist Kunst", freut sich Marco. Und Mission: "Irgendjemand muss aufpassen auf dieses Land." Bequem in Abscheu zurücklehnen kann sich der Betrachter indes nicht: Ohne den Neid und den Voyeurismus der Massen könnte der Boulevard nicht funktionieren, wie er ist, erklärt Marco. "Ich bin beeindruckt. Sie sind echt was Besseres", verbeugt er sich sarkastisch vor dem Publikum als Vertreter der anonymen Masse. Das dankt mit "Standing Ovations" für 100 vielschichtige, fesselnde Minuten – und für eine unterhaltsame Aufklärung ins Sachen Boulevard.

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