Tödlich verletzt: Nach dem Tod des Bielefelders (37) im Krankenhaus ermittelte im Mai die achtköpfige "Mordkommission Gustav" im und vor dem Haus der Angeklagten. Jetzt ist die Beschuldigte zum Ärger der Staatsanwaltschaft wieder auf freiem Fuß. - © Foto: Christian Mathiesen
Tödlich verletzt: Nach dem Tod des Bielefelders (37) im Krankenhaus ermittelte im Mai die achtköpfige "Mordkommission Gustav" im und vor dem Haus der Angeklagten. Jetzt ist die Beschuldigte zum Ärger der Staatsanwaltschaft wieder auf freiem Fuß. | © Foto: Christian Mathiesen

Bielefeld Juristischer Streit nach tödlichen Tritten in Bielefeld

Mordkommission Gustav: Die Angeklagte (31) ist nach Monaten hinter Gittern wieder auf freiem Fuß. Gericht sieht keinen Tatverdacht: "Es könnte auch der Ehemann sein". Staatsanwalt legt Beschwerde ein

Jens Reichenbach

Bielefeld. Im Fall des 37-jährigen Mannes, den ein Passant am 10. Mai 2017 mit tödlichen Verletzungen auf dem Gehweg der Gustav-Winkler-Straße fand, ist jetzt ein juristischer Streit entbrannt. Nachdem Staatsanwalt Christoph Mackel die mutmaßliche Täterin (31) wegen vorsätzlicher, gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt hatte, verneinte jetzt das Landgericht den Tatverdacht in dieser Form und verwies das Verfahren zurück ans Amtsgericht. Die Folge sind erstaunte Anwohner in Hillegossen und Ubbedissen: Denn die vorbestrafte Frau, die seit Mai hinter Gittern saß, ist nun wieder auf freiem Fuß. Mackel bestätigte, dass das Verfahren nach der Entscheidung des Schwurgerichts ans Amtsgericht abgegeben wurde, wo nun lediglich "wegen unterlassener Hilfeleistung" verhandelt werden soll. Weil hierbei die Straferwartung für die Angeklagte nicht mehr so hoch sei, wurde sie aus der Untersuchungshaft entlassen. Den tödlich Verletzten abgelegt und liegengelassen Laut Gerichtssprecher Guiskard Eisenberg geht das Landgericht davon aus, dass es an eindeutigen, belastenden Beweisen gegen die 31-jährige Frau mangelt. Den Ermittlungsergebnissen zufolge soll die Angeklagte in ihrem Haus auf den 37-Jährigen eingeschlagen und getreten haben. Anschließend habe sie mit Helfern den tödlich Verletzten vor dem Haus auf dem Gehweg abgelegt und liegengelassen. Der 37-Jährige starb einen Tag später im Krankenhaus. Zwar sicherten die Ermittler Faserspuren im Haus, da die Beschuldigte und ihr Ehemann aber zu den Tatvorwürfen bisher schwiegen, bestehe allein mit diesen Spuren kein "hinreichender Tatverdacht", der für ein Tötungsdelikt ("Körperverletzung mit Todesfolge") ausreicht, erklärte Eisenberg. Nun muss das Oberlandesgericht darüber entscheiden Kurz gesagt: "Es könnte auch der Ehemann gewesen sein." Die 31-Jährige lebte in dem Haus an der Gustav-Winkler-Straße mit ihrem Ehemann und weiteren Mitbewohnern. Das Schwurgericht hatte auch Körperverletzung durch Unterlassen ("Garantenstellung") oder den Tatvorwurf des Aussetzens geprüft. Schließlich verneinte man aber auch diese Optionen. Staatsanwalt Christoph Mackel hält diese Bewertung des angerufenen Schwurgerichts für falsch. Er ließ daraufhin weiter ermitteln und reichte dann Beschwerde gegen die "Nichteröffnung des Verfahrens beim Landgericht" ein. Nun muss das Oberlandesgericht darüber entscheiden. Im Supermarkt soll das Ehepaar offen über die Tat sprechen Gleichzeitig erreichte die Lokalredaktion ein Schreiben eines Anwohners, demzufolge die Freilassung der Angeklagten in der Nachbarschaft "Verunsicherung und Angst" ausgelöst habe. So signalisiere die Entlassung der vorbestraften Frau nur, dass sie sich offenbar alles erlauben könne - ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Dem Briefschreiber zufolge, der aus Angst anonym schreibt, prahle die Frau sogar im Supermarkt damit, was sie dem Opfer angetan habe. Tatsächlich bestätigten weitere Zeugen, dass die 31-Jährige und ihr Mann im Supermarkt sehr offen mit den Tatvorwürfen umgehe und darüber spreche. Angst habe man aber nicht vor dem Paar. "Die sind immer freundlich", sagt eine Frau über die unangepassten Nachbarn. "Nur wenn sie jemand beschimpft oder mobbt, werden die aggressiv." Die Mitbewohner sollen inzwischen aus dem Haus an der Gustav-Winkler-Straße ausgezogen sein. Bezirkspolizist Gerald Laker, zuständig für Hillegossen und Ubbedissen, geht davon aus, dass die per Brief mitgeteilte Besorgnis eine Einzelmeinung aus dem Ort darstelle. Ihm gegenüber habe bisher niemand Befürchtungen dieser Art geäußert.

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