Pflegt gern: Altenpfleger Lars Fisser betreut seit seinem Bundesfreiwilligendienst die Bewohner des Wilhelm-Augusta-Stifts. - © Christian Weische
Pflegt gern: Altenpfleger Lars Fisser betreut seit seinem Bundesfreiwilligendienst die Bewohner des Wilhelm-Augusta-Stifts. | © Christian Weische

Sieker Was es bedeutet schwerkranke und sterbende Menschen zu pflegen

Pflege und Hilfe am Lebensende

Christine Warnecke

Sieker. Rund und rot steckt der Apfel in der Tasche einer Bewohnerin des AWO-Seniorenzentrums Wilhelm-Augusta-Stift am Lipper Hellweg. "Den hat sie immer bei sich", erklärt Pflegepädagogin Monika Riepe. "Das ist kein Tick, sondern eine Versicherung für sie, die im Krieg Hunger gelitten hat. Das will sie nie wieder erleben." Ähnliches Verhalten kennt man von Senioren, die Konserven in rauen Mengen horten. "Die traumatischen Erlebnisse von früher kommen im Alter an die Oberfläche", so Riepe. Auch mit solchen Erfahrungen umzugehen, ist ein wichtiger Punkt in der Palliativmedizin. Die Kursleiterin des Bildungszentrums für Berufe im Gesundheitswesen übt mit Pflegekräften den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Menschen, die palliative Pflege. "Palliativ" bedeutet auf Latein "von einem Mantel umhüllt". Es meint ein ganzheitliches Kümmern um Patienten mit einer weit fortgeschrittenen oder nicht heilbaren Erkrankung und begrenzter Lebenserwartung. Es geht vor allem darum, die letzte Zeit auf der Erde würdig zu gestalten. Das kann schon bei vermeintlich banalen Dingen anfangen, etwa dem Wissen, dass Sterbende oft keinen Hunger oder Durst mehr haben. "Sie dann nicht zum Trinken zu zwingen, sondern lieber die Lippen anzufeuchten und das trockene Gefühl zu bekämpfen, ist dann sinnvoller", meint Riepe. Lars Fisser ist Altenpfleger mit einer palliativen Fortbildung. Er hat gelernt, wie er mit Angehörigen über Krankheit und Tod sprechen kann und dass das Abschied nehmen auch für ihn nicht zu kurz kommen sollte. "Ich nehme mir dann etwas Zeit und gehe noch mal allein zu dem Patienten. Das ist mir wichtig, auch wenn die Arbeit und der Alltag weitergehen muss." Jeder müsse seine eigenen Rituale finden - sei es das Anzünden einer Kerze oder das Schreiben in ein Kondolenzbuch. Das gelte für alle Angestellten der Pflegeeinrichtungen. Schließlich steht man in Kontakt und baut eine persönliche Beziehung auf", erklärt Riepe. "Das geht hin bis zur Reinigungskraft, die das Zimmer säubert, während der Patient da ist." Ein anderer Aspekt der Palliativ-Pflege ist die Schmerztherapie. "Schmerzen können auch soziale oder spirituelle Ursachen haben. Das muss man ernst nehmen und dem dann individuell auf den Grund gehen", sagt Riepe. Ähnlich wie ein Kind, das vor einer schweren Klassenarbeit Bauchschmerzen bekommt, können Senioren körperliche Schmerzen empfinden, wenn es ihnen seelisch nicht gut geht. "Wichtig ist, Geduld zu haben", so Riepe. "Zu vermitteln "Ich kümmere mich" hilft oft schon sehr viel." Noch einmal schwieriger ist der Umgang mit dementen Menschen, wenn etwa ein Umzug ins Pflegeheim ansteht. Änderungen im Verhalten, wie das Horten von Lebensmitteln oder merkwürdige Vorkommnisse wie dem Platzieren von Schuhen im Kühlschrank können Anzeichen für Demenz sein. "Dann sollte man sich frühzeitig Hilfe bei Beratungsstellen, den Wohlfahrtsdiensten oder beim Hausarzt holen", rät Riepe. "Einen dementen Menschen allein zu pflegen, ist unmöglich." Eine Tagespflege, die "Kita für die Älteren" wie Riepe sagt, kann dem Übergang dienen, damit der Bruch mit der Umgebung nicht zu hart ist.

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