Max und Moritz in voller Pracht: 1913 entstand dieses Foto der beiden mächtigen Schornsteine auf dem Gelände der Stadtwerke. Das kleine Foto oben ist aus dem Jahr 1920 und zeigt, dass Max und Moritz nicht alleine auf dem Gelände standen.
Max und Moritz in voller Pracht: 1913 entstand dieses Foto der beiden mächtigen Schornsteine auf dem Gelände der Stadtwerke. Das kleine Foto oben ist aus dem Jahr 1920 und zeigt, dass Max und Moritz nicht alleine auf dem Gelände standen.

Bielefeld Skurrile Ortsnamen: Zwei Stadtwerke-Schlote, die "Max und Moritz" hießen

Fast vergessen (25): Vor 69 Jahren wurden sie eingerissen

Joachim Wibbing

Mitte. Märchenzeit in Bielefeld? Was haben Max und Moritz mit unserer Stadt zu tun? Gab es Streiche? Nein, alles ist etwas technischer: 1900 wurde in Bielefeld das erste Elektrizitäts-Werk an der Schildesche Straße fertiggestellt. Aufgrund der damaligen technischen Möglichkeiten lieferte es Gleichstrom. Motoren und Glühlampen konnten damit betrieben werden. Doch es gab einen erheblichen Nachteil: Gleichstrom über längere Distanzen zu transportieren war unmöglich, weil dazu allzu große Leitungsquerschnitte benötigt worden wären. Doch die technischen Innovationen blieben nicht stehen. So wurde der heute übliche Dreh- oder Wechselstrom erfunden. Diese neue Technik hielt auch in Bielefeld Einzug. Das Drehstromwerk und Max und Moritz 1911 wurde mit dem Bau eines neuen Drehstromwerks begonnen, das im Sommer 1912 erstmals Kraftstrom für Elektromotoren lieferte. Stets neue Entwicklungen aufzunehmen, das war schon damals die Devise des Städtischen Betriebsamtes und ihrer Direktoren. Aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten wurde der Bau eines Drehstrom- oder auch Wechselstrom-Elektrizitätswerks in Angriff genommen. Diese neue Form der elektrischen Energie wies die Besonderheit auf, dass man sie ohne Probleme auch über weitere Strecken transportieren konnte – mittels Überlandleitungen. Bislang gab es Strom lediglich in einer Insellösung in der Stadt. Das Drehstromwerk wurde 1912 fertiggestellt, der Bau von dem bekannten Stadtbaurat Friedrich Schultz realisiert. Die zwei Schornsteine „Max und Moritz", wie sie im Volksmund genannt wurden, charakterisierten das neue Gebäude. Stromlieferung in den Landkreis Nun war es technisch möglich, Strom auch in die Landgemeinden des Landkreises Bielefeld zu transportieren und es begann eine neue „Anschlussbewegung": Die einzelnen Gemeinden erhielten zwischen 1913 und 1928 elektrischen Strom. Auch Steinhagen wurde 1925 an die Stromversorgung der Stadtwerke Bielefeld angeschlossen. Die Schornsteine und der Expressionismus Wo die Industrie kräftig und emsig arbeitet, die Menschen im täglichen Arbeitsgeschehen stehen, da muss es kräftig rauchen. Der Volksmund sagt ja auch heute noch – um eine gute wirtschaftliche Entwicklung zu kennzeichnen: „Der Schornstein muss rauchen." Damit soll versinnbildlicht werden, dass es den Menschen materiell gut geht, dass sie Arbeit und Brot haben. Diese Metapher nehmen sich um in den 1920er Jahren auch zwei Bielefelder expressionistische Künstler zum Vorbild. Der Maler Ernst Sagewka stellte „Max und Moritz" in seinem 1919 fertig gestellten Farben sprühenden Ölgemälde dar. Die Farben explodieren nur so und versinnbildlichen die industrielle Dynamik. Als der eigentliche Vater der Stadtwerke Bielefeld, Carl Brüggemann, 1926 – nach 28 Dienstjahren – in den Ruhestand geht, wird ihm ein Gemälde mit einem ähnlichen Motiv überreicht. Der Schildescher Kunstmaler Victor Tuxhorn hatte es geschaffen. Leider liegt von dem Original nur eine schwarz-weiß Fassung vor. Die Farben muss man sich als Betrachter noch selbst hinein denken. Abbruch und Ende von Max und Moritz Hatten die beiden Schornsteine noch die Luftangriffe der Alliierten des Zweiten Weltkrieges überstanden, so stand doch um 1948 ihr Ende bevor. Sowohl das Gleichstrom- als auch das Drehstromwerk hatten schwere Treffer hinnehmen müssen, vieles war zerstört. Die Stromversorgung lag immer wieder darnieder. Mit Hilfe des Marshallplans erfuhren die Elektrizitätswerke einen Neuaufbau. Doch dabei störten die Türme Max und Moritz, und sie wurden abgerissen. Sechs schlichte Metallschornsteine ersetzten sie, bis schließlich 1956 der gut 120 Meter hohe und heute noch gut sichtbare Schornstein errichtet wurde. Max und Moritz heute Zwei in den 1980ern gebaute Häuser, deren untere Bereiche an Elefantenfüße erinnern, werden heute von Anwohnern als „Max und Moritz" bezeichnet. Die Häuser liegen an der Ecke Voltmannstraße/ Kurt-Schumacher-Straße.

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