Fast ein wenig verwunschen kommt das Kanonenrohr daher: Hinter der Musikschule POW führt es von der Kunsthalle zur Kreuzstraße und zum Adenauerplatz. Die Kamera steht direkt auf dem alten Stadtmauer-Rest. Hinten die Gaslaterne. - © Sarah Jonek
Fast ein wenig verwunschen kommt das Kanonenrohr daher: Hinter der Musikschule POW führt es von der Kunsthalle zur Kreuzstraße und zum Adenauerplatz. Die Kamera steht direkt auf dem alten Stadtmauer-Rest. Hinten die Gaslaterne. | © Sarah Jonek

Bielefeld Skurrile Ortsnamen: Bielefelder Gasse namens „Kanonenrohr“

Fast vergessen (24): Woher genau der kuriose Name des Weges stammt, ist nicht zu klären – vielleicht kommt er vom königlichen Ausruf „Ach du heiliges Kanonenrohr!“

Joachim Wibbing

Bielefeld. 2014 wurde das 800-jährige Bestehen der Stadt Bielefeld umfänglich und unter großer Beteiligung der Bevölkerung gefeiert. Bezugspunkt war dabei die Stadtrechtsverleihung im Jahr 1214. Durch verschiedene historische Dokumente und auch archäologische Ausgrabungen ist seit langem bekannt, dass die Siedlung in Bielefeld aber sehr viel älter sein muss. STADTLUFT MACHT FREI Vor 800 Jahren existierten innerhalb kurzer Entfernungen vollkommen verschiedene Rechtskreise. Der Stadtbürger genoss sehr viel mehr an Freiheitsrechten als der Bauer auf dem platten Land. Allein darin liegt die besondere Bedeutung der Stadtrechte der Stadt Bielefeld, die 1214 verliehen wurden. Die Grafen von Ravensberg ließen ihre Wirtschaftsbürger viel mehr und eigenständiger entscheiden als ihre abhängigen Bauern vor den Toren der Stadt und in den Vororten. STADTMAUER GRENZT AB Konstitutiv für eine mittelalterliche Stadt war ihre Befestigung: Wall und Graben sicherten im Kriegsfall den Bürgern Hab und Gut. Wie diese Stadtbefestigung um 1214 und in den folgenden Jahren ausgesehen haben mag, das entzieht sich weitestgehend unserer Kenntnis. Gab es einen Holzwall? Gab es schon einen ausgehobenen Wassergraben? Wir wissen es nicht. Letztlich aber wurde die Stadtbefestigung mit Steinen aufgemauert und mit Wallanlagen zusätzlich gesichert. Für den Durchgangsverkehr gab es die Stadttore. Neben verschiedenen anderen waren sicherlich das Niedern-Tor – am heutigen Jahnplatz – und das Obern-Tor – am heutigen Ratsgymnasium – die herausragenden Stadttore; führte doch dort jeweils eine wichtige Handelsstraße aus dem Ruhrgebiet kommend nach Niedersachsen und Berlin. MAUERRESTE AN DER GASSE Lange Jahrhunderte blieb die Stadt Bielefeld auf den heute sogenannten Altstadtbereich beschränkt. Doch in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann eine Ausbreitung in das Umland. Dabei wurde nun die Stadtmauer zum Hindernis und weitgehend demontiert. An der kleinen Gasse, die von der Kunsthalle Richtung Nebelswall führt, steht ein Rest der alten Bielefelder Stadtmauer: Das „Kanonenrohr", so bezeichneten die Bielefelder Ureinwohner diese kleine und kurze Gasse, die den ehemaligen Nebelswall mit der Kreuzstraße verbindet. Das Kanonenrohr liegt zwischen der Kreuzstraße 34 und 38 am sogenannten Kanonenrohrweg. Dabei handelt es sich um einen letzten Rest des zwischen 1539 und 1545 errichteten einheitlichen Befestigungssystems um Alt- und Neustadt. Woher allerdings die Bezeichnung genau stammt, ist unklar. In der Nähe lag und liegt die alte preußische Kaserne an der Hans-Sachs-Straße. 1775 wurde sie errichtet. In einem Emblem oberhalb des Haupteingangs sind noch Kanonen zu sehen. Der preußische König Friedrich II., auch „der Große" genannt oder der „alte Fritz", soll einmal gesagt haben „Du heiliges Kanonenrohr". Die Vorstellung war, dass derjenige Feldherr, der über die besten Soldaten und Kanonen verfügen konnte, auch von Gott unterstützt wird. Ob dieser Begriff allerdings wirklich in Bielefeld daher stammen könnte, muss fraglich bleiben. EINE ALTE GASLATERNE Lange Zeit war das Kanonenrohr in der Bielefelder Bevölkerung auch deswegen bekannt, weil hier eine der letzten Gaslaternen der Stadt zu finden war. 1856 nahm der Bielefelder Magistrat – vergleichbar dem heutigen Stadtrat – die Idee auf, in der Stadt eine Gasbeleuchtung einzuführen. Dafür wurden 111 gusseiserne Leuchten bestellt, die mit dem sogenannten Stadt- oder Leuchtgas betrieben wurden. Ein allerletztes Exemplar findet sich dort heute noch – allerdings nicht mehr mit Stadtgas betrieben, das gibt es nämlich nicht mehr, sondern mit Strom. Und so wurde aus dem gelblichen Licht von damals das bläuliche einer Energiesparbirne.

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