Noch immer gerne besucht: Bildungsveranstaltungen finden weiterhin gerne und oft im Bunten Haus in Sennestadt statt - bei schönem Wetter wird auch die grüne Umgebung von Teilnehmern geschätzt. - © Kurt Ehmke
Noch immer gerne besucht: Bildungsveranstaltungen finden weiterhin gerne und oft im Bunten Haus in Sennestadt statt - bei schönem Wetter wird auch die grüne Umgebung von Teilnehmern geschätzt. | © Kurt Ehmke

Sennestadt Skurrile Ortsnamen: "Buntes Haus" der Gewerkschaft

Fast vergessen (23): Seit gut 90 Jahren dient das Haus in der Sennestadt der Fortbildung - mit Ausnahme der Jahre des Nazi-Terrors

Joachim Wibbing

Sennestadt. Am Senner Hellweg 461 gibt es ein Haus, das gerne als "Buntes Haus" bezeichnet wird. Es stellt eine der ältesten gewerkschaftlichen Bildungsinstitutionen in Deutschland dar. 1925 erbauten Mitglieder des "Zentralverbandes der Angestellten" aus Teilen einer alten Armeebaracke ein Tagungs- und Bildungszentrum in Sennestadt. Carl Severing vermittelte als preußischer Innenminister den Kauf der "kaiserlichen Militärbaracke". Der Name "Buntes Haus" geht auf den unterschiedlichen Anstrich der Fassade, der Fensterrahmen und der Türen zurück. Das "Reichsferienheim" Das Bunte Haus kann auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken, in der sich bedeutsame Teile der deutschen Gewerkschaftshistorie spiegeln. Ausgangspunkt der Hausgeschichte ist 1925. Am 19. September dieses Jahres wurde das Richtfest des als "Reichsferienheim" des Zentralverbandes der Angestellten geplanten Baus gefeiert. Beim ZDA handelte es sich seinerzeit um die mitgliederstärkste freigewerkschaftliche Angestelltenorganisation unter dem Dach des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Vorläuferorganisation des heutigen DGB. Erholungsbedürfnisse der Jugend Der ZDA errichtete das Haus in der Heidelandschaft des Teutoburger Waldes vor allem für die Erholungsbedürfnisse der eigenen Verbandsjugend. Neben den Urlaubsaufenthalten wurden aber auch schon damals Lehrgänge des Dachverbandes sowie Veranstaltungen befreundeter Organisationen wie der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend oder der Kinderfreunde im "Bunten Haus" durchgeführt. Ab dem 2. Mai 1933 war an Erholung und Bildung im Geiste der freien Arbeiterbewegung nicht mehr zu denken. Das Bunte Haus wurde - wie andere gewerkschaftliche Einrichtungen auch - von der SA besetzt und fortan vom NS-Regime missbraucht. Bis zum Kriegsende wurde das Haus von verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen genutzt. Der Neubeginn stand zunächst ganz im Zeichen der Regelungen von Besitz- und Eigentumsverhältnissen. Ab 1946 fanden jedoch bereits wieder Gewerkschaftstagungen und -schulungen statt. Drei Jahre später ging es dann auch formal in den Besitz des neuen Gewerkschaftsbundes DGB über, der das Haus zu einer Einrichtung der Jugendbildung machte. Ab 1952 lag der Hauptakzent auf der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung. Die Gründung der Gewerkschaft HBV In der Diskussion um die Organisationsstruktur der DGB-Einzelgewerkschaften und um das angespannte Verhältnis zur Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), mit der man sich seinerzeit nicht auf das Industrieverbandsprinzip verständigen konnte, beschloss der Beirat des DGB auf seiner Sitzung am 20. und 21. Juli 1948 im Bunten Haus, die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) zu gründen und sie anstelle der DAG in den DGB aufzunehmen. Das Bunte Haus kann insofern als Geburtsstätte der Gewerkschaft HBV gelten. Auf zu neuen Ufern Die Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) entschloss sich zum Abbruch des alten Bunten Hauses und zur Errichtung eines neuen, modernen Gebäudes im Jahr 1990. Um zu verdeutlichen, dass auch der neue Bau an die Tradition anknüpft, die mit dem alten Gebäude verbunden ist, wurde der Name "Buntes Haus" beibehalten. Mit dem Zusammenschluss etlicher Gewerkschaften zur Verdi (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) im Jahr 2001 wurde es zu einer der zentralen Bildungszentren von Verdi. Im September 2015 konnte das Schulungs- und Bildungszentrum auf eine 90-jährige Geschichte zurückblicken, die als gewerkschaftliches "Reichsferienheim" begann.

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