Postkartenansicht: Entlang der Oststraße entstanden die Siedlungsbauten, wie später auch an der Weddigenstraße und an der Oldentruper Straße - hier Anfang der 30er Jahre zu sehen. - © STADTARCHIV
Postkartenansicht: Entlang der Oststraße entstanden die Siedlungsbauten, wie später auch an der Weddigenstraße und an der Oldentruper Straße - hier Anfang der 30er Jahre zu sehen. | © STADTARCHIV

Mitte Skurrile Orte in Bielefeld: Wohnparadies "Vatikan"

Fast vergessen: Vor fast 90 Jahren entstanden auf "katholischem Zukunftsland" Wohnungen mit hohem wohnlichen Standard - im Vatikan und in der Engelsburg

Joachim Wibbing

Mitte. Wer hätte das gedacht: Nicht nur in Rom gibt es einen Vatikan und eine Engelsburg, sondern auch in Bielefeld - und zwar im Osten der Stadt. Seit dem 16. Jahrhundert gehörte die überwiegende Mehrzahl der Bielefelder Bevölkerung dem evangelisch-lutherischen Glauben an. Aber es gab seit dem 17. Jahrhundert auch stets Katholiken in Bielefeld. Ihr Hauptorientierungspunkt war das Franziskanerkloster am Klosterplatz beziehungsweise die daraus entstehende Pfarrei ab 1829. Sankt Jodokus als Zentrum Mit der Industrialisierung Bielefelds und dem Anwachsen des katholischen Bevölkerungsanteils wurde aus der bedrängten Diaspora-Pfarrei Sankt Jodokus, die aus den spärlichen Überresten des Franziskanerklosters hervor gegangen war, das Zentrum des wachsenden Bielefelder Katholizismus. Bis in die 1960er Jahre war der Pfarrer von Sankt Jodokus der ranghöchste Geistliche im Bielefelder Raum, in der Regel Domkapitular und im Wechsel mit den Amtsbrüdern des Domes und der Pfarrei Herford auch Dechant. Der Kirchenvorstand von Sankt Jodokus wirkte lange Zeit als Leitungsgremium des gesamten Bielefelder katholischen Milieus. Gründung von TochtergemeindenDie besondere Bedeutung der Pfarrei Sankt Jodokus zeigt sich vor allem in den zahlreichen Gründungen von Tochtergemeinden, für die Sankt Jodokus zur Mutterpfarrei wurde. Seit 1891, als die erste Missionsstation in Brackwede errichtet wurde, reagierte die Sankt Jodokus-Gemeinde immer wieder auf die wachsende Katholikenzahl. Sie erwarb Grundstücke, finanzierte den Bau von Kirchenpfarrhäusern und entließ schließlich die jungen Tochtergemeinden in ihre Selbstständigkeit. Der Kindergarten der Liebfrauen-KircheZu den von Sankt Jodokus abgepfarrten Gemeinden gehörte auch die Pfarrei Liebfrauen im Bielefelder Osten. Sie ist insofern außergewöhnlich, als hier neben dem Bau eines Kindergartens und der Kirche auch ein größerer genossenschaftlicher Siedlungsbau, der sogenannte "Vatikan" und die sogenannte "Engelsburg" entstanden. Noch vor der eigentlichen Kirche wurde 1928 ein katholischer Kindergarten am Ehlentruper Weg errichtet - dies stellte einen Kristallisationspunkt für die katholischen Familien dar. Eine katholische BaugenossenschaftAb 1929 entstanden an der Oldentruper Straße die Wohnungen der katholischen Baugenossenschaft. Die katholische Insel, im protestantisch-säkularen Meer der Großstadt, erhielt im Volksmund bald den Namen "Vatikan". Die etwas später an der Weddigen-Straße errichteten Häuser wurden "Engelsburg" genannt. Der Begriff Vatikan erstreckt sich auf den sogenannten Vatikan-Staat, in dem der katholische Papst nicht nur geistliches sondern auch staatspolitisches Oberhaupt ist. Die Engelsburg in Rom wurde ursprünglich als Mausoleum für den römischen Kaiser Hadrian (117 bis 138 nach Christus) und seine Nachfolger errichtet und später von verschiedenen Päpsten zur Kastellburg umgebaut. Neues Wohnen in der "katholischen Zukunft" Am 10. März 1929 erschien im Turm, der damaligen katholischen Tageszeitung in Bielefeld, ein Aufruf zur Gründungsversammlung einer katholischen Baugenossenschaft, die der anhaltenden Wohnungsnot entgegentreten sollte. Zunächst wurden 39 Wohnungen realisiert. Im ersten Bauabschnitt entstanden ein repräsentatives viergeschossiges Eckhaus in schönen, modernen Linien mit 15 Wohnungen, die den Anforderungen neuzeitlicher Wohnkultur, wie Toiletten, entsprach.

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