Heute wieder ein Schmuckstück: Die Alte Vogtei bietet 2016 wenig Anlass zum Jammern - lang ist sie aber noch immer. - © Andreas Frücht
Heute wieder ein Schmuckstück: Die Alte Vogtei bietet 2016 wenig Anlass zum Jammern - lang ist sie aber noch immer. | © Andreas Frücht

Heepen Skurrile Orte: Heute Heepens "Langer Jammer"

Fast vergessen (13): Das alte Vogtei-Gebäude in Heepen wird schon seit Jahrhunderten "Langer Jammer" genannt. Warum? Es gibt mehrere Geschichten

Joachim Wibbing

Heepen. Das alte Vogtei-Gebäude in Heepen wird im Volksmund gerne als "Langer Jammer" bezeichnet. Woher der Name kommt, ist nicht genau zu bestimmen. Eine Erklärung geht dahin, dass hier die Vögte des Heeper Amtes, also Verwaltungsbeamte, residierten und mit ihren Abgabe-Forderungen ständigen "Jammer" über die damaligen Heeper Menschen brachten. Eine zweite Erklärung geht davon aus, dass das überaus große Gebäude baulich nur schwer zu unterhalten war und deshalb über die jeweiligen Besitzer "Jammer" brachte. Wie dem auch sei: Wer heute vom "Langen Jammer" spricht, wird sofort an dieses traditionsreiche Gebäude am Heeper Tieplatz denken. Amtssitze der Vögte Die Alte Vogtei ist das letzte erhaltene Fachwerkgebäude im Ortszentrum Heepen - von der Bauart her ein Fachwerk-Traufenhaus. Das Gebäude diente in früheren Zeiten als Amtssitz der Vögte, denen auch mehrere alte Bauernhöfe im Bereich der Stadt Bielefeld, die "Bielehöfe" unterstanden. Die Heeper Vogtei verwaltete dabei ein Gebiet, welches sich zunächst von Stukenbrock bis nach Herford erstreckte. Über den Zeitpunkt der Erbauung des Gebäudes gibt es zwei verschiedene Ansichten: der Heimatverein Heepen bezieht sich auf zwei Schmucksteine aus heimischem Sandstein, die beide mit den Initialen des Vogtes Matthias Becker versehen sind. Dieser hatte von 1667 bis 1680 seinen Amtssitz im Gebäude. Insofern könnte das Haus im Jahr 1667 erbaut worden sein. Eine Jahreszahl am heute noch vorhandenen inneren Kamin zeigt ebenfalls diese Jahreszahl. Dr. Jahn, der Landeskonservator von Westfalen-Lippe, begutachtete die Alte Vogtei vor der Sanierung im Jahr 1985: Nach seinen Forschungen ist das Gebäude in seiner heutigen Form erst im frühen 19. Jahrhundert entstanden. Im Jahr 1816 soll das ursprüngliche Haus vom damaligen Besitzer Haase an der östlichen Seite erweitert worden sein, wovon ein Balken über dem Eingang des Gebäudes zeugt. In der Alten Vogtei hatte zunächst die Heeper Verwaltung ihren Sitz. Der Dorfkrug Darüber hinaus ist aus dem Jahr 1556 ein Bewohner dieses oder eines Vorgängerhauses bekannt geblieben. Mit dem Namen "Lübbert der olde Kroger" könnte er der erste Heeper Gastwirt gewesen sein. Im Mai 1816 ist an der östlichen Seite das Vogtei-Gebäude erheblich erweitert worden. In der Türbalkeninschrift heißt es: "Johann Christoph Haase und Christina Charlotte Huvendieks. Diese beiden Eheleute haben durch Gottes Hilfe und Segen bauen lassen. B. M. Friedrich Wilhelm Siebrasse". In der Mitte des Hauses befand sich früher einmal der Eingang zum Dorfkrug. Um 1900 war er in "Hotel zur Post" umbenannt worden. In seinem Garten war die erste und einzige Heeper Freiluftkegelbahn. Neuer Glanz in alter Vogtei Die Stadt erwarb im Januar 1961 den östlichen Teil des Gebäudes. Ein ansässiger Konsum-Laden zog aus, so dass dieser Gebäudeteil immer mehr verfiel. 1986 wurde das Gebäude aufwendig restauriert und im Zuge der Feierlichkeiten zum 950-jährigen Bestehen Heepens der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Dort sind die Stadtteilbibliothek, die Galerie in der Alten Vogtei, in der auch Eheschließungen vorgenommen werden können, die Heimat-stube des örtlichen Heimatvereins und einige kleinere Geschäfte untergebracht. Außerdem werden Räume des Gebäudes für Vereine und Chöre zur Verfügung gestellt. So hält hier zum Beispiel die Handspinngilde mit der Spinngruppe OWL regelmäßig in geschichtsträchtiger Umgebung Spinntreffen ab. Auch in Bielefeld gab es ein Gebäude mit dem Namen "Langer Jammer". Es lag an der Arndtstraße 9 - so berichten es jedenfalls die "Hausakten" im Stadtarchiv.

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