Unterkunft und Verpflegung: Gut Wilhelmsdorf in Eckardtsheim war bundesweit die erste deutsche Arbeiterkolonie, die den Wanderern eine Heimat und Beschäftigung bot. - © Archiv von Bodelschwinghsche Stiftung
Unterkunft und Verpflegung: Gut Wilhelmsdorf in Eckardtsheim war bundesweit die erste deutsche Arbeiterkolonie, die den Wanderern eine Heimat und Beschäftigung bot. | © Archiv von Bodelschwinghsche Stiftung

Eckardtsheim Undercover auf der Walz

„Wangemanns Wanderungen“: Ausstellung behandelt die Situation von Obdachlosen. Wilhelmsdorf bot Hilfe als erste deutsche Arbeiterkolonie

Kemna

Eckardtsheim. Undercover mischte er sich Ende des 19. Jahrhunderts unter die „Landstreicher“, der junge Theologe Theodor Wangemann. Auf seine Spuren begaben sich Professor Hans-Walter Schmuhl und seine Studierenden. Das Ergebnis, eine Wanderausstellung, ist jetzt im Sport- und Kulturzentrum Eckardtsheim zu sehen. „Wangemanns Wanderungen. Hilfe für Menschen auf der Straße seit 1892“ haben die Studenten ihre Ausstellung genannt, die aus 18 Stellwänden besteht. Verkleidet als „Wanderer“ wurde der Theologe von Pastor Friedrich von Bodelschwingh auf die Walz geschickt und wanderte 1892 durch Westfalen, die Rheinprovinz bis nach Hamburg und Berlin. „Es gibt keinen besseren Ort für diese Ausstellung als Eckardtsheim“, sagte Sennestadts Ortsheimatpfleger Marc Wübbenhorst bei der Eröffnung der Ausstellung. Denn dort hatte Bodelschwingh zuerst dafür gesorgt, dass die Obdachlosen Unterkunft und Verpflegung bekommen: in der Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf, in der alle Wanderer, die sich in Bielefeld meldeten, eingesetzt wurden. Diese war 1882 von Bodelschwingh gegründet worden und war die erste deutsche Arbeiterkolonie und Keimzelle des Ortes Eckardtsheim. Diesem vorbildlichen „Bielefelder System“ widmet die Ausstellung zwei Stellwände.Erst seit 1974 gilt „Landstreicherei“ nicht mehr als Straftatbestand In seinem Bericht „Aus meinem Wandertagebuch“ machte Wangemann auf die Missstände aufmerksam: Die Behörden vor Ort, die zur Unterstützung mittelloser Wanderer verpflichtet waren, verweigerten manchmal nicht nur die Hilfe, sondern steckten die Wanderer über Nacht ins Gefängnis. Die Grundregeln der westfälischen Wanderordnung sahen vor, dass die Hilfesuchenden vormittags zu arbeiten hatten und zielten darauf, Bettelei zu unterbinden. Doch die Bürger und Pfarrer gaben Almosen, ohne Pflichtarbeit zu verlangen. „Vagabundenzüchterei“ nannte das Wangemann. Er forderte ein System der Arbeitsvermittlung, um den Teufelskreis aus Arbeits- und Obdachlosigkeit, Bettelei und Gefängnis zu durchbrechen. Jedoch kam das Wanderarbeitsstättengesetz nicht zustande. Bodelschwingh wurde von der Kirchenleitung gerügt. 35 Jahre später, 1927, wurden Arbeitsämter geschaffen und eine Arbeitslosenversicherung eingeführt. Erst seit 1974 gilt „Landstreicherei“ nicht mehr als Straftatbestand, hat der Wohnungslose Rechtsanspruch auf Hilfe. Die Ausstellung „Wangemanns Wanderungen“ ist bis zum 31. Dezember im Sport- und Kulturzentrum, Eckardtsheimer Straße 21, zu sehen: Montag und Mittwoch von 16 bis 19 Uhr, Donnerstag von 14.30 bis 19 Uhr und am Wochenende je von 14 bis 18 Uhr.

realisiert durch evolver group