Hendrik Sturm (Mitte) im Hauptberuf Professor für Bildhauerei in Frankreich, ermuntert die Teilnehmer des Kunstspazierganges zu Deutungen und zu Kindheitserinnerungen. - © Reinhard Brosig
Hendrik Sturm (Mitte) im Hauptberuf Professor für Bildhauerei in Frankreich, ermuntert die Teilnehmer des Kunstspazierganges zu Deutungen und zu Kindheitserinnerungen. | © Reinhard Brosig

Sennestadt Kunstspaziergang mit dem Quergeher Hendrik Sturm

"Menschen und Materialien in Bewegung" lautet das Motto dieser ungewöhnlichen, vom Sennestadtverein initiierten Aktion

Sennestadt. Gehen als Kunst. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass wir Menschen in vorgestanzten Mustern leben, dass unser Sehen funktional bestimmt ist. „Wir gehen und sehen normalerweise wie betäubt", sagt Kunstprofessor Hendrik Sturm. Es ist die Chance der Kunst, Dinge zu machen, die nicht funktional bestimmt sind und dadurch eingefahrene Sichtweisen aufzubrechen oder zu erweitern. Wer sich darauf einlässt, wird selbst Teil des Kunstprozesses. Kunst hat viel mit Bildern zu tun. Hendrik Sturm lässt Bilder im Kopf der Kunstspaziergangsteilnehmer entstehen; diese nicht sichtbaren Bilder formen die unsichtbare Stadt. Wir lassen die Firma Tweer hinter uns, sind auf der langweiligen Krackser Straße. Plötzlich überquert Hendrik Sturm die Straße, steigt in den einen Meter tiefen Graben und fordert uns auf, ihm zu folgen. Hinter ihm ein undurchdringlicher Waldrand mit dichtem Gebüsch. Da kann man doch nicht durch, denke ich. „Doch, doch, dahinter wird’s wieder leichter!" Mit zwei Helfern werden alle durch den Graben und die grüne Mauer durchbugsiert. Im Wald ist eine eigenartige Allee erkennbar, vielleicht fünf Meter breit. „Hier waren Sie alle schon einmal." So ermuntert unser Spurensucher-Spaziergeh-Lehrer zum Nachdenken oder Fantasieren. Nach einiger Zeit macht es Klick: Wir stehen auf der alten Krackser Straße, die beim Bau der Autobahn verlegt worden ist. Und wir staunen, wie nach nur dreißig Jahren aus der Zivilisation Wildnis geworden ist. Wir, das ist die Freitaggruppe des dreitägigen Kunstexperiments mit Hendrik Sturm. Um 14 Uhr hat er uns im Sandkasten des ehemaligen Kinderhorts der AWO neben der Jägersteigbrücke versammelt. „Kommen Sie alle in den Sandkasten!" Dann hebt er das AWO-Hort-Schild hoch, das er aus dem Bauschutt geholt hat, und zeigt auf das rote AWO-Herz. „Das Herz wird uns heute noch öfter begegnen." Passend zu dem hochgehobenen Schild verkündet er das Motto des heutigen Spaziergangs: Menschen und Materialien in Bewegung. Im Zickzack durch Sennestadt Wenn ich mir jetzt unsere Spur kreuz und quer durch Sennestadt, hin und her, in Zickzacklinien und merkwürdigen Bögen noch einmal vergegenwärtige, denke ich an eine Holzwurmspur.Kurzer Halt an einem recht rostig wirkenden Kondomautomaten. Typisch Hendrik Sturm: Er hat ihn nicht nur bemerkt, sondern Nachforschungen betrieben. Wie oft wird das Material erneuert? „Alle 8 Wochen." Ist es ein umgebauter Zigarettenautomat? „Dafür spricht alles." Usw. Schnell noch eine Verbindung aufgestellt zum nahegelegenen Swingerclub, der „seine Dienste täglich von 20 bis 2 Uhr anbietet". Der bezieht seine Kondome nicht aus dem Automaten. Wir kommen zum nächsten Herz: Über dem Eingang zum Café Miteinander im Flüchtlings-Containerdorf bildet sich das Herz aus dem Dampf zweier Tassen, auch rot. Wir schauen uns um: Sozialarbeiter, Flüchtlinge und Ehrenamtliche haben mit Bemalung, selbst gebauten Draußenmöbeln und Pflanzen die Trostlosigkeit gemildert. Weiter. Hendrik Sturm weist uns auf einige Firmenschilder hin: RR „Das ist die Firma Reckhaus, ethische Insektenvernichtung, die haben in der Schweiz sogar einen Preis gewonnen" und BigPack. „Ich liebe Landkarten", meint unser Führer, als er das Firmenlogo analysiert, das einen Globus beinhaltet. „Kennen Sie dieses Land? Das ist eine große russische Inselgruppe. Da finden die Nukleartests statt." „Übrigens ist der Inhaber von BigPack türkischer Herkunft. Das kann ich Ihnen beweisen." 200 Skulpturen hinter fast blickdichtem Zaun Wir drücken uns die Nasen platt an der Fensterfront des Chefbüros und entdecken eine tolle, selbst gestaltete Erdkarte. Alle Länder der Welt sind mit ihren Namen kunstvoll gestaltet dargestellt – bis auf eins: Die Türkei ist nur ein roter Fleck. Nächster Halt an einem Garten mit fast blickdichtem Zaun, in einer Kiefer hängt eine witzige Figur, von einem Garagendach grüßt eine buckelnde Katzenskulptur. Wir hören von Hendrik Sturm Überlegungen zur „Unsichtbaren Stadt". Hinter dem Zaun stehen 200 Skulpturen von Waltraud Rohde, die früher VHS-Kurse gab. Die unsichtbare Stadt: Ist das mein ganz eigenes inneres Bild, das sich aus zufälligen Kenntnissen, aus Erlebnissen und Erzählungen zusammensetzt?Lärm. Wir gehen zum Zaun von Union Knopf, Abrissarbeiten. Da liegt dicht vor uns ein rotes Ungetüm. Ja, das kennen viele, es ist der soeben gefällte Schornstein, den Union Knopf einst wegen der Proteste der Anwohner gebaut hatte. „Aber warum rot? Normalerweise erhalten Türme eine Tarnfarbe. Dieser Turm schreit: Seht her, ich habe Eure Forderung erfüllt." Jeder entwickelt innere Bilder Nun geht’s über den Dünengürtel. Ganz überraschend tut sich ein kleines, saftig grünes Dünental auf. Ein Teilnehmer verkündet: Hier war das Territorium meiner Gang als Schulkind. Hier standen früher Spielgeräte. Beim Stichwort Territorium gibt uns Hendrik Sturm wieder was zum Denken: „Man ist immer in vielen Territorien!" Auf dem Sandboden liegen winzige bunte Plastikpartikel. Die stammen vermutlich von einem Scherzartikel. Wer hat hier gefeiert? Wann? Verschiedene Schichten tun sich auf: Eiszeitliche Dünen, Spielterritorium in den 1970er-Jahren, Partyraum? Jede/r entwickelt eigene innere Bilder und gestaltet sich seine Welt.Da gehen, wo die anderen nicht gehen, da hinschauen, wo die anderen dran vorbeilaufen. Dadurch entdeckt Hendrik Sturm Materialien und Spuren jeder Größenordnung, hier ein Schlackenstein, da eine Lagerhalle, hier einen Kronenkorken, da eine eigenartige wollige Masse auf einem Weg in der Nähe des Wasserwerks 2. „Für was halten Sie das?" Ein mutiger Teilnehmer prüft mit den Fingern die etwas unappetitlich wirkende Masse. „Das könnten Tierhaare sein." Ein Jagdopfer? Verbindung von Schlacke und Lava Hendrik Sturms Methode: Spur entdecken, genau analysieren, fantasieren, nachforschen: „Hier hat jemand seinen großen Hund gebürstet. Vor einigen Tagen konnte man noch die Form des Tieres erkennen." Diesseits und jenseits der lärmenden Paderborner Straße führt uns der Spurenleser jeweils zu einem Stein. Zwischen einem Schlackenstein in der Nähe der Hans-Christian-Andersen-Schule und einem Lavastein vor den tonnenschweren Tresoren der Firma Tschöke auf der Südseite der Straße gab es bis heute keine Verbindung; sie wird erst heute beim Kunstspaziergang neu geschaffen. Schauen Sie, lieber Leser, liebe Leserin, einmal in das Schaufenster von Tschöke-Tresoren und versuchen Sie selbst die Frage zu lösen, warum dort ein Lavastein von Gomera liegt.Ein neuer Mülleimer birgt ein Geheimnis, eine technische Anlage ragt mitten im Wald in die Höhe, 10 Meter neben dem imposanten neuen Zaun des „Logistikparks" verläuft über zig Meter eine auffällige Sandspur, 10 cm breit und 10 cm hoch. Immer wieder wendet sich der Kunstspazierführer an seine Truppe, lässt uns Vermutungen aussprechen, Deutungen versuchen. Dauernd entstehen neue Bilder. Der Teich des unbekannten Klosters „Durch diese Spaziergänge wird die Wahrnehmung der Teilnehmer verändert, aber auch meine eigene", hatte er im Vorfeld erklärt. Gegenüber der neuen Halle von Tweer Ecke Kampweg/Krackser Straße, kurz hinter dem Bahnübergang, bittet uns Hendrik Sturm auf eine Wiese, die etwa einen Meter unter dem Niveau der Straße liegt. Wir sollen uns den Boden anschauen, der in einer großen Pfütze sichtbar wird. „Kein Sand!" Hier war der Klosterteich, einer von vielen Fischteichen in der Senne.Eine typische Hendrik-Sturm-Konstellation: Neben uns eine moderne Fabrikhalle. „Das ist ein Archiv, ein Formenarchiv der Gussformen." Hinter uns die Sennebahn. „Das hat vierzig Jahre gedauert, bis die preußische Regierung diese Bahn endlich genehmigt hat." Wir selbst stehen in einem ehemaligen Fischteich und fragen uns: Klosterteich zu welchem Kloster? Das weiß auch er nicht. Mönche tauchen auf, ich denke an den Dreischichtbetrieb in der Eisengießerei, Hendrik Sturm erzählt, dass er zwei Jahre lang gerne mit der Sennebahn zur Arbeit nach Paderborn gefahren ist. „Geheimnisvolle Morgennebel über den Wiesen..." Mannigfaltige Puzzlestücke, die in jedem Kopf kaleidoskopartig Bilder entstehen lassen – bis zum nächsten Schütteln des Kaleidoskops. Nach viereinhalb Stunden sind wir müde, sind nass und haben im Kopf eine neue Stadt, unsichtbar und bedeutungsvoll. Der Autor Gastautor Thomas Kiper ist zertifizierter Natur- und Landschaftsführer. Er hat diverse Wander-, Radwanderführer geschrieben. Als Mitglied des Sennestadtvereins bietet er regelmäßig geführte Wanderungen in und um Sennestadt an.

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