Szenisches und Dialogisches: Engagiert trägt Autorin Wiltrud Thies die Geschichte vom kleinen Frosch Fred vor, der Angst vor den vielen anderen Tieren in seiner Klasse hat. - © Sibylle Kemna
Szenisches und Dialogisches: Engagiert trägt Autorin Wiltrud Thies die Geschichte vom kleinen Frosch Fred vor, der Angst vor den vielen anderen Tieren in seiner Klasse hat. | © Sibylle Kemna

Sennestadt Tochter schenkt Mutter eine Lesung

Wiltrud Thies liest an der Hans-Christian-Andersen-Schule

Sibylle Kemna

Sennestadt. "Das ist das schönste Geschenk, das ich mir denken kann", sagt Melanie Thies. Zum 80. Geburtstag kam ihre Tochter aus Marburg - aber nicht nur zum Kaffeeklatsch. Sie lud sie ein in die Hans-Christian-Andersen-Grundschule (HCA), die sie bis 1997 geleitet hat. Zu einer Lesung mit vielen Kindern. Unter Kindern fühlt Melanie Thies sich wohl, das ist sofort zu sehen: Mit strahlenden Augen und einem breiten Lächeln mischt sie sich unter die Kinderschar. Endlich wieder mal an ihrer alten Wirkungsstätte zu sein - das macht die alte Dame glücklich. "Kennt ihr denn noch das Hans-Christian-Andersen-Schullied?", fragt sie, begierig darauf, das im Anschluss zu hören. Doch Schulleiter Oliver Pape muss sie enttäuschen. "Nein, das kennt hier keiner mehr. Inzwischen gibt es ein neues", berichtet er. Die Schüler staunen, als Pape über Melanie Thies erzählt: "Das war meine Schulleiterin, als ich hierher kam." Und als sie von deren Tochter Wiltrud Thies hören, dass ihre Mutter 80 Jahre alt geworden ist, entschlüpft einem kleinen Mädchen ein ein weiterer Ausspruch des Erstaunens: "Oh mein Gott!" Sie sind sieben oder acht Jahre, die kleinen Zuhörer, und damit ist die HCA-Schulleiterin von 1984 bis 1997 mindestens zehn Mal so alt wie die Kinder. "Auch ich bin Lehrerin und war auch Schulleiterin", berichtet Wiltrud Thies, die als langjährige Rektorin der Sophie-Scholl-Schule in Gießen viel Erfahrung in der Inklusion gesammelt und diese auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin begleitet hat. Und weil sie weiß, dass eine gute Geschichte etwas bewirken kann, hat sie ein Kinderbuch über das Miteinander geschrieben: "Fred, der Frosch; und eine Schule für alle". Die Schüler verfolgen aufmerksam die Probleme des kleinen Frosches, der vor seiner Einschulung steht und zwischen Freude und Angst schwankt. Schließlich erwarten ihn ja so unterschiedliche Mitschüler: die Tiger, die Zebras und die anderen Frösche. Und es gibt auch Konflikte. Doch im Laufe des ersten Schultages erkennt er, dass die Vielfalt bereichernd ist und das Miteinander gelingt. Immer wieder bezieht Wiltrud Thies die Kinder ein, lässt sie erzählen, und auch die Bilder auf der Leinwand beleben die Geschichte. "Sie hat sich immer um alle Kinder gekümmert, aber besonders um die, die irgendwie benachteiligt waren", erklärt die Tochter, die mit dieser Lesung auch den "hoch engagierten Lebensweg" der Mutter ehren will. Die freut sich über die inklusive Pädagogik an ihrer ehemaligen Schule und auch über das Engagement der Tochter in diesem Bereich.

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