Sennestadt Total normal

Sennestadt im Kleinformat: Fotoserie ist Teil einer Ausstellung im Museum Marta

Das Herbstlicht wirft einen versöhnlich-warmen Schatten auf die Fassade mit Schuhkarton-Balkon. - © FOTOS: FRICKE
Das Herbstlicht wirft einen versöhnlich-warmen Schatten auf die Fassade mit Schuhkarton-Balkon. | © FOTOS: FRICKE

Sennestadt. Gut möglich, dass der eine oder andere Bewohner von Sennestadt die Tür zu seinem Eigenheim oder seinen Balkon wiedererkennt, wenn er die Ausstellung besucht, die am Sonntag im Marta-Museum in Herford eröffnet wird. 160 kleinformatige Bilder von Katharina Fricke werfen einen neuen Blick auf Sennestadt.

Die Fotografin hat lange nach einer passenden Location für ihre Abschlussarbeit an der Bielefelder Fachhochschule für Gestaltung gesucht und sie schließlich vor der eigenen Haustür gefunden. Ihre Fotoserie mit dem Titel "Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember" hat nicht nur ihre Professoren, sondern auch die Jury des Wettbewerbs "Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie" beeindruckt: Die 32-Jährige gehört zu den acht Preisträgern, deren Arbeiten im Herforder Marta-Museum ausgestellt werden, bevor die Schau durch ganz Deutschland tourt.

Katharina Fricke hat dieses stachelige Exemplar vor einem Einfamilienhaus in Schwarz-Weiß festgehalten. - © FOTOS: FRICKE
Katharina Fricke hat dieses stachelige Exemplar vor einem Einfamilienhaus in Schwarz-Weiß festgehalten. | © FOTOS: FRICKE

Katharina Frickes Ansatz ist speziell. Ihre Bilder schneiden ab, lassen weg, reduzieren – und wirken eben genau durch das, was sie nicht zeigen.  In Schwarz-Weiß abgelichtete Häuserfassaden, Ein- und Ausgänge, Wege, Straßen, Zäune, Garagen, Parkplätze – alles in graues Herbstlicht getaucht, auf mehr als 160 kleinformatigen Bildern. Ein sozial-architektonisches Puzzlespiel, bei dem sich das große Ganze aus seinen kleinsten Teilen ergibt. "Meine Bilder sollen zeigen, was die Bewohner längst nicht mehr wahrnehmen", sagt sie selbst.

Katharina Fricke glaubt an die Fotografie als archivierendes und chronologisierendes Medium und verfolgt oft einen soziologischen Ansatz bei der Themenfindung. "Inspiriert wurde meine Arbeit durch ein Buch von Kevin Lynch: Das Bild der Stadt. Darin erforscht er die kognitiven Karten, die die Bewohner von Städten in ihrem Kopf haben. Die Frage ist: Wie erleben Bewohner ihre Stadt?"

Die Tristesse dieses Hofes ist nicht zu übersehen. Doch vieles guckt sich offenbar weg.
Die Tristesse dieses Hofes ist nicht zu übersehen. Doch vieles guckt sich offenbar weg.

Für ihr Projekt suchte sie ein gediegenes und möglichst normales Umfeld. "Ich wählte Sennestadt, weil sie als Planstadt mit klaren Grenzen, ihrer Übersichtlichkeit und der architektonischen Durchschnittlichkeit ideal war." Vor ziemlich genau einem Jahr war sie dann drei Monate lang unterwegs und befragte Bewohner nach Wegen, die sie im Alltag häufig gehen oder fahren. "Das waren meist Wege zur Arbeit oder Kaufhalle. Wichtig für mich war nicht die Trostlosigkeit des Alltags, sondern die Traurigkeit der Bilder, die die Bewohner mehrmals die Woche sehen."

Katharina Fricke bewegte sich dabei im urbanen Sennestadt und weniger in den grünen Zonen. Sie machte sich auf die Spur der Menschen im städtischen Umfeld. "13 Wege habe ich mir erfragt. Die einen führen durch den ganzen Ort, andere nur um die nächste Ecke. Alle Wege habe ich fotografisch dokumentiert und die Anzahl der Bilder proportional zur Länge des Weges gewählt."

Ihre Bilder zeigen bürgerliche Einfamilienhäuser mit Jägerzaun-Idyll, Mietshäuser mit Betonbalkonen, Vorgärten und Straßen. Was die achtsame Fährtensucherin mit ihrem "Danebenschauen" zu Tage fördert, ist verblüffend. Katharina Fricke selbst beschreibt Sennestadt nach ihrer intensiven Spurensuche als Stadt "ohne Höhen und Tiefen". "Sennestadt steht stellvertretend für viele Kleinstädte, in denen Häuser in der Wohnungsnot früherer Jahrzehnte schnell hochgezogen wurden. Einmal gebaut, sind sie fertig."

ZUR PERSON: Katharina Fricke

Katharina Fricke wurde 1982 in Rostock geboren. Von 2007 bis 2014 studierte sie Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld, in diesem Jahr machte sie mit der Arbeit "Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember" ihren Abschluss Bachelor of Arts. 
Die 32-Jährige hat an zahlreichen Buchprojekten gearbeitet, unter anderem zu den Pyramiden von Gizeh, Orten von Ufo-Sichtungen, einer Superbakterie auf Mission, der Darstellung von Macht, dem Wissenskanon des Bürgertums, der Farbskala venezianischer Hauswände – und schließlich ihre Foto-Serie über Sennestadt. 
Zurzeit macht sie ein Praktikum in einem Künstlerhaus in Finnland, das sie nur kurz für die Ausstellungseröffnung in Herford unterbrochen hat. Am kommenden Mittwoch geht es wieder zurück. "Das Künstlerhaus liegt in Nordfinnland, ziemlich in der Einöde. Dort ist es gerade minus sechs Grad kalt, es liegt viel Schnee, meistens ist es dunkel und manchmal ziemlich langweilig", berichtet sie.

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