Gruppendynamik auf vier Pfoten: Schäferhund-Labrador Bobby (mit Bernd Wenzel, v. l.) hat seine eigenen Vorstellungen, wo er langgehen möchte, Gaby Conde mit Mischling Stella, Annabell Wiesemann (4. v. l.) mit Collie-Mix Lee und Jürgen Pfeiffer (5. v. l.) mit Sennenhundmischling Bolek kommen ganz gut voran. Parson-Jack-Russell Einstein - mit Monika Bodenbinder (3. v. l.) - weiß nicht so recht, und Staffordshire-Terrier (r.) lässt sich von Heike Tütermann-Schindler durch Leckerlis verführen. - © Silke Kröger
Gruppendynamik auf vier Pfoten: Schäferhund-Labrador Bobby (mit Bernd Wenzel, v. l.) hat seine eigenen Vorstellungen, wo er langgehen möchte, Gaby Conde mit Mischling Stella, Annabell Wiesemann (4. v. l.) mit Collie-Mix Lee und Jürgen Pfeiffer (5. v. l.) mit Sennenhundmischling Bolek kommen ganz gut voran. Parson-Jack-Russell Einstein - mit Monika Bodenbinder (3. v. l.) - weiß nicht so recht, und Staffordshire-Terrier (r.) lässt sich von Heike Tütermann-Schindler durch Leckerlis verführen. | © Silke Kröger

Sennestadt Bielefelder Tierheim bietet Führerschein für alle Hundehalter

Die Beißattacke eines schwarzen Schäferhundes nahe der Promenade hat die Rufe nach einem landesweiten Nachweis wieder lauter werden lassen. Beim Tierschutzverein gibt es seit dem Sommer 2017 eine mehrteilige Schulung

Silke Kröger

Sennestadt. Die Attacke eines ohne Leine laufenden schwarzen Schäferhunds, der am vergangenen Freitag nahe der Promenade oberhalb der Hundewiese einem 29-Jährigen ins Gesicht gebissen hat, hat für großes Aufsehen gesorgt. "Den Hund frei laufen zu lassen, war verantwortungslos", unterstreicht Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei der Tierrechtsorganisation Peta. Der Fehler liege ganz klar beim Menschen: Die Organisation fordert deshalb die Einführung eines "Hundeführerscheins" in NRW. Im Bielefelder Tierschutzverein hat man längst reagiert: Seit Juli 2018 gibt es dort für ehrenamtlichen Hundeausführer und für Paten der Tierheimvierbeiner ein mehrstufiges "Gassi-Geher"-Konzept. Das komme bei den Aktiven gut an, berichtet Vereinsvorsitzender Helmut Tiekötter. Den ersten Teil (A 1) haben bereits rund 250 Ehrenamtliche absolviert - er ist die Grundlage dafür, einen kleinen Hund (bis 20 Kilogramm Gewicht und/oder 40 Zentimenter Schulterhöhe) ausführen dürfen. Dabei werden die Teilnehmer mit den Grundregeln des Gassi-Gehens vertraut gemacht, die beim Tierschutzverein vorgeschrieben sind. Dazu gehört etwa, die Wege nicht zu verlassen, keinen Kontakt zu anderen Hunden zuzulassen, Rücksicht auf Radfahrer, Jogger & Co zu nehmen und die Hinterlassenschaften des tierischen Begleiters zu beseitigen. Rund 100 Tierheim-Aktive haben darüber hinaus die Stufe A 2 durchlaufen (für Hunde ab 20 Kilogramm und /oder 40 Zentimeter Schulterhöhe), für die auch der Sachkundenachweis für große Hunde erforderlich ist. Wer darüber hinaus Hunde ausführen möchte, die etwa Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder die aufgrund ihrer Rasse bestimmte Auflagen erfüllen müssen, für die gibt es zwei weitere Schulungsteile: die Stufe B für "nette" Listenhunde und Vierbeiner mit Auffälligkeiten sowie die Stufe C für Listenhunde oder Tiere, von denen auch eine Gefahr ausgehen kann. "Tierheimhunde sind nun mal etwas anderes als der Hund vom Nachbarn, und das verstehen die Leute auch", sagt Tiekötter, der sich über die positive Resonanz bei den Ausführern auf das Schulungsangebot freut. Auch die Stufe B hätten inzwischen rund 100 Ausführer absolviert. Diese beinhaltet einen zweistündigen Theorieabend, an dem es unter anderem um Ausdrucks- und Aggressionsverhalten, um Jagdtrieb, Angst und Dominanz der Hunde geht. Im Praxisteil wird das Gelernte angewendet und eingeübt, die Leinenführigkeit etwa oder Begegnungen beim Spaziergang. Bis auf den A 2-Teil seien sämtliche Bestandteile des Konzepts für die Ehrenamtlichen kostenlos, erklärt der Vereinsvorsitzende. Und räumt rückblickend ein: "In der Vergangenheit haben wir einfach Glück gehabt. Es hat nie wirklich ernsthafte Vorfälle gegeben. Aber jetzt kann uns keiner mehr etwas vorwerfen." Rund 50 Ausführer sind regelmäßig und bei jedem Wetter mit den Tierheimhunden unterwegs und kümmern sich um den Ausgang der 26 Vierbeiner, die derzeit in der Einrichtung leben. Inzwischen seien rund 90 Prozent der Fundhunde gechippt, berichtet Tiekötter - damit ließen sich die Besitzer rasch ausfindig machen. Die Zahl der Abgabehunde sei in Zeiten des Internets und Ebay-Kleinanzeigen stark gesunken. "In der Regel versucht der Besitzer, seinen Hund für kleines Geld dort zu verkaufen", ist die Erfahrung von Tierheim-Mitarbeiterin Anna Venzke, die auch Ansprechpartnerin für die Hundeschule des Vereins ist. "Das ist auch der Grund, warum hier eher die schwierigeren oder kranken Hunde landen." Zudem gebe es immer mehr "verkorkste Hunde": "Sie müssen heute ganz anders funktionieren als vor zehn, 20 Jahren." Auch die Bielefelder Tierschützer sprechen sich für einen Führerschein aus - aber nicht nur für Hundebesitzer. Venzke: "Den sollte jeder machen müssen, der sich ein Tier anschafft."

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