0
Das Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens, das diese steinerne Figur in Händen hält, taucht immer seltener auf dem Friedhof auf. - © FOTO: SUSANNE LAHR
Das Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens, das diese steinerne Figur in Händen hält, taucht immer seltener auf dem Friedhof auf. | © FOTO: SUSANNE LAHR

Senne Der Tod erfordert Bewegung

Vom Wandel der Begräbniskultur und den Folgen für den Sennefriedhof

VON SUSANNE LAHR
01.11.2014 | Stand 31.10.2014, 22:02 Uhr

Senne. Der Tod ist im November präsenter. Die Verstorbenen sind in unserem Bewusstsein oder sollen hinein – an Allerseelen, am Volkstrauertag oder am Ewigkeitssonntag. Dazu heute die Heiligen. Auf dem Sennefriedhof ist der Tod Alltag – das ganze Jahr. Aber er ändert sich, ist nicht mehr das todsichere Geschäft von früher. Die Menschen werden weniger. Und die Bestattungskultur ist auch auf Deutschlands viertgrößtem Friedhof einem deutlichen Wandel unterworfen.

Mit seinen 104 Hektar Fläche ist der 1912 eröffnete Sennefriedhof etwa halb so groß wie das Fürstentum Monaco. Die Welt der Verstorbenen wird von den Lebenden nach dem Alphabet organisiert. In Abteilung A finden sich in erster Linie Urnenwahlgräber, in N haben ebenfalls die Urnen die Oberhand, in S gibt es Baumbestattungen. Man wird ungefragt in Reihe gebettet oder an die ausgewählte Stelle, anonym beigesetzt, als Asche verstreut, auf dem muslimischen Gräberfeld auch ohne Sarg bestattet.

Der Tod hat klare Maße: Ein Erdgrab misst 1,25 mal 2,50 Meter, ein Urnenwahlgrab 1,25 mal 1,25 Meter. Darauf haben vier Aschegefäße Platz, acht könnten es auf der großen Fläche sein. Die Urnenstelen brauchen noch weniger Raum, hier ruhen bis zu acht Tote im Etagen-Ossarium. Die Menschen möchten zunehmend pragmatischer, pflegeleichter ins Jenseits. Lag im Jahr 2002 der Anteil der Urnenbestattung in Senne bei 50 Prozent, sind es 2013 mehr als 76 Prozent. Im Vorjahr gab es dort nur noch 198 Erdbestattungen. Von den 2.033 Bestattungen in Bielefeld waren nur 618 Erdbestattungen.

Und damit ist das Dilemma des Senner Waldfriedhofs und vieler Friedhöfe in Deutschland beschrieben: Die Toten nehmen immer weniger Raum ein. Da Sterben für die Kommunen in der Regeln ein Zuschussgeschäft ist, tun die Lücken im Belegungsplan, die Überkapazitäten, die gepflegt werden wollen, richtig weh. So manche Ruhestätte kämpft ums Überleben ohne ausreichend Tote. Über Schließungen und Entwidmungen nach Ablauf der Ruhezeiten wird mittlerweile schon laut nachgedacht. Die diskutierte Abschaffung des Friedhofszwangs bei der Urnenbestattung dürfte die Sache noch verschärfen.

Friederike Hennen kennt diese Probleme bestens. Sie ist als Abteilungsleiterin beim Umweltbetrieb für die Friedhöfe und Bestattungen der Stadt Bielefeld zuständig. Das Management des Todes ist von der Pflicht zur Kür geworden, sagt die 51-Jährige. Es braucht heutzutage Zielkonzepte, Marketing, Sponsoren und neue Ideen.

Vor allem, sagt Friederike Hennen, müsse man den Wunsch der Menschen nach Individualität im Sterben akzeptieren. Das betrifft die Bestattungsart, die Trauerfeiern, die Grabgestaltung. "Da tut sich ein richtiger Markt auf – auch im Internet", sagt sie. Vor allem, seit Gott und die Kirche nicht mehr erster Ansprechpartner nach dem Sterben sind. Die Hinterbliebenen wollen auch nicht mehr durch restriktive Satzungen gegängelt werden. Und die gab es in der Vergangenheit ganz besonders für den Waldfriedhof.

Information

Sennefriedhof

  • Der Friedhof wurde am 15. August 1912 eröffnet.
  • Er hat eine Fläche von 104 Hektar. Größer sind nur Friedhöfe in Hamburg-Ohlsdorf, Berlin und München.
  • Es gibt zurzeit 23.000 Grabstätten und 8.822 anonyme Urnenplätze, zudem 1.819 Baumgrabstätten und 46 Urnenstelen mit 189 Kammern. (sl)

Den Wandel findet die 51-Jährige durchaus spannend. Denn das Überleben der Friedhöfe hat für sie auch damit zu tun, wie die Menschen mit diesen Orten umgehen. Hennen weiß, dass der Mikrokosmos der Toten zunehmend auch als Kulturraum entdeckt wird. Die Feiern zum 100-jährigen Bestehen des Sennefriedhofes waren mit Kino, Kabarett, Vorträgen und Führungen ein gutes Beispiel dafür.

Um die Zukunft des Waldfriedhofes ist ihr schon gar nicht bange. Nimmt er doch mit seinen denkmalgeschützten Bauten, Ehrenfeldern, mit seinen Hügelgräbern, seinen historischen Grabsteinen von namhaften Künstlern wie Böckstiegel oder Kollwitz, seiner vielfältigen Natur, seinen multikulturellen oder Gemeinschaftsgräberfeldern eine besondere Stellung ein.

Sein Zielkonzept sieht vor, die Bestattungsbereiche zu konzentrieren; nicht mehr benötigte Bereich artenreich aufzuforsten oder extensiv zu bewirtschaften. Friederike Hennen kann sich durchaus auf dem großen Gelände, das schon zu Freizeitzwecken genutzt wird, einen Kinderspielplatz oder einen Fitnessparcours vorstellen. Ebenso QR-Codes auf Grabsteinen, die den Friedhof mit Hilfe von Smartphones oder Tablets zu multimedialen Erinnerungsstätten werden lassen. "Wir müssen uns bewegen", sagt Hennen. Im Wettbewerb der Lebenden um die Toten.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group