Gespannt beobachten die Oberstufenschüler der Martin-Niemöller-Gesamtschule die Autorin Lilly Lindner. Ihre Erzählungen unterbricht sie mit Musik und Darstellungen. Hier bewegt sie sich auf Zehenspitzen vorsichtig über den Boden. - © FOTO: FELIX EISELE
Gespannt beobachten die Oberstufenschüler der Martin-Niemöller-Gesamtschule die Autorin Lilly Lindner. Ihre Erzählungen unterbricht sie mit Musik und Darstellungen. Hier bewegt sie sich auf Zehenspitzen vorsichtig über den Boden. | © FOTO: FELIX EISELE

Schildesche Beeindruckende Lilly Lindner

In der Kindheit vergewaltigt: Bestseller-Autorin besucht Gesamtschule

VON SABRINA PICK

Schildesche. Dass das keine gewöhnliche Lesung ist, wird schnell klar: Lilly Lindner (28) liest nicht ab. Und sie sitzt auch nicht an einem Tisch. Ohne Schuhe steht die gebürtige Berlinerin vor den Oberstufenschülern der Martin-Niemöller-Gesamtschule. Mit ruhiger Stimmer erzählt die Autorin aus ihren Büchern – und somit ihre eigene Geschichte.

Trotz ihres jungen Alters blickt Lilly Lindner bereits auf ein Leben voller Schicksalsschläge zurück. Geschriebene Worte sind lange Zeit das einzige Mittel für Lindner, um sich auszudrücken. Als Kind wird sie jahrelang von einem Nachbarn vergewaltigt. Als junges Mädchen beginnt sie sich zu schneiden und zu hungern. Immer mehr verliert sie das Gefühl für ihren Körper, prostituiert sich, versucht mehrfach sich umzubringen. 2011 veröffentlicht Lilly Lindner ihre Autobiografie "Splitterfasernackt". "Meine Geschichte soll Menschen dazu bringen, sich ihren eigenen Gefühlen zu stellen", sagt sie.

Schon 60 Lesungen hat Lindner dieses Jahr gehalten. Unter anderem im Klinikum Lippe in Bad Salzuflen vor vier Monaten. Auch ein paar Schüler besuchten diese Lesung. Ihr Lehrer war so beeindruckt von Lilly Lindner, dass er sie seinem Kollegen Yilmaz Dündar empfahl. Der Pädagogiklehrer an der Martin-Niemöller-Gesamtschule war sofort begeistert und nahm mit der Autorin Kontakt auf. Zur gestrigen Lesung kamen nicht nur Schüler seines Kurses – auch die anderen Oberstufenschüler interessierten sich für die Erlebnisse der 28-jährigen Frau.

Der 19-jährige Schüler Hamdi Peker findet den Besuch der Autorin wichtig: "Niemand redet öffentlich darüber. Ich finde es gut, dass das jemand macht." In seinem Unterrichtsfach Pädagogik thematisiert Dündar unter anderem Jugendkrisen. "Lilly Lindner ist dafür ein gutes Beispiel. Jeder hat sein Päckchen oder Paket zu tragen – es ist wichtig zu sehen, dass man da raus kommen kann", sagt Dündar.

Die Lesung ist eine Mischung aus Erzählungen, Musik und Darstellungen. Unterstützt wird Lindner dabei von Oliver Neitzel. Der 23-Jährige performt seit März zusammen mit Lilly Lindner. Er fängt die Autorin auf, als sie vom Tisch springt, oder streichelt ihre vernarbten Arme.

Jede Lesung konfrontiert die Autorin mit ihrer Vergangenheit. Auch wenn sie das sehr anstrenge, möchte sie mit ihren Lesungen weitermachen. "Ich will Mut machen, sich selbst Raum zu geben und sich nicht zu verstecken", sagt Lindner. Im Dezember wird sie in Bielefeld weitere Schulen besuchen.

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