Fernsehgericht: Die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin verhandelt im ARD-Film „Terror" den „Fall Lars Koch". - © dpa
Fernsehgericht: Die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin verhandelt im ARD-Film „Terror" den „Fall Lars Koch". | © dpa

Bielefeld Bielefelder Strafrechts-Professor Wolfgang Schild kritisiert ARD-Film "Terror"

Wolfgang Schild von der Universität Bielefeld sieht eine Irreführung der Zuschauer. Auch er würde einen Bundeswehr-Piloten zwar freisprechen, der in Gewissensnot ein entführtes Flugzeug zum Absturz bringt. Er wirft den Filmemachern aber schwere juristische Fehler vor.

Sigrun Müller-Gerbes

Herr Schild, was meinen Sie als Professor für Strafrecht: Ist der fiktive Kampfpilot Lars Koch zum Mörder geworden, als er sich entschloss, ein von Terroristen entführtes Flugzeug abzuschießen, bevor es in ein Stadion gesteuert werden konnte? Wolfgang Schild: Nein. Ich hätte ihn freigesprochen – so wie auch die knappe Mehrheit der Studenten, mit denen ich den ARD-Film geschaut habe. Aber aus Gründen, die in dem Film überhaupt nicht thematisiert werden. Deshalb halte ich das Werk und seine Vorlage von Ferdinand von Schirach auch für ganz schlecht: Es führt die Zuschauer in die Irre, ist manipulativ und stellt juristische Fragen völlig falsch dar. Was genau ist denn falsch? Schild: Der Film tut so, als gebe es im deutschen Strafrecht keinen Unterschied zwischen rechtswidrigem Verhalten und persönlich vorwerfbarer Schuld. Eine Tat kann Unrecht sein, ohne dass der Täter sich schuldig gemacht hat. Dann nämlich, wenn er sich wie der Pilot in einem unauflösbaren Gewissenskonflikt befunden hat. Jeder von uns ist dankbar, dass er in einer solchen Situation wohl nie sein wird: Ganz allein dort oben, das Flugzeug steuert auf das vollbesetzte Stadion zu, es bleiben nur Sekunden für die Wahl für oder gegen den Abschuss. Wer in einer solchen existenziellen Notsituation eine Entscheidung trifft, den trifft strafrechtlich keine Schuld, auch wenn die Entscheidung rechtlich falsch, also Unrecht war. Dieses Unrecht können wir ihm nicht zum Vorwurf machen. Also wäre Pilot Koch kein Mörder, auch wenn der Abschuss rechtswidrig war? Schild: Ja. Das Strafrecht kennt den Begriff des entschuldigenden Notstands. In Paragraf 35 des Strafgesetzbuchs steht, dass ein Mensch ohne Schuld handelt, wenn er durch eine rechtswidrige Tat Gefahr von sich selbst oder Angehörigen abwendet. Hätten sich Ehefrau und Kind im Stadion befunden, dann wäre der Abschuss, um sie zu retten, Unrecht, aber entschuldigt gewesen. Dieser Paragraf lässt sich in unserem Fall zwar nicht direkt, aber doch parallel anwenden, vorausgesetzt, dass der Angeklagte tatsächlich in Entscheidungsnot war und nicht nur rechthaberisch seine eigenen Wertvorstellungen durchgesetzt hat. Dass im ersten Fall ein solcher „übergesetzlicher entschuldigender Notstand" eingreift, das ist unter Strafjuristen überwiegende Meinung. Insofern gibt es das juristische Dilemma, das v. Schirach und die ARD behaupten, nicht. Der Fall lässt sich mit dem geltenden Strafrecht entscheiden. Es geht in einem Strafprozess, den das Stück ja vorspielt, nicht um ein Moralproblem, sondern um die rechtliche Lösung eines Gewissenskonfliktes. 86 Prozent der Zuschauer haben im Tele-Voting für „nicht schuldig" plädiert. Ist diese Mehrheit damit im Konflikt mit dem Bundesverfassungsgericht? Schild: Das kann niemand wissen, weil niemand weiß, worüber die Betreffenden eigentlich abgestimmt haben. Mein Urteil jedenfalls akzeptiert voll die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts: Der Pilot hat unrechtlich gehandelt. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass es kein Gesetz geben darf, das den Abschuss eines Flugzeugs erlaubt und damit den Befehl zu einem Abschuss möglich macht. Das hat Bestand. Der Staat darf niemals die Anordnung treffen, auf diese Weise Leben gegen Leben abzuwägen. Das ist nicht mit der Menschenwürde vereinbar. Nicht entschieden hat das Verfassungsgericht aber, ob ein Pilot, der den Knopf drückt, individuelle Schuld auf sich lädt. Und darum geht es in einem Strafprozess. Dass die ARD und Schirach diesen Unterschied nicht klargemacht haben, ist ein schwerer Fehler. Damit haben sie die Zuschauer in die Irre geführt. Ganz davon abgesehen, dass der ganze Film manipulativ war. Die ganze Inszenierung – angefangen vom Bildschnitt – war von vornherein auf einen Freispruch angelegt. Das Ergebnis stand von Anfang an fest.

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