Angesichts des Amoklaufs von München hat der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick mehr Prävention gefordert. - © epd
Angesichts des Amoklaufs von München hat der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick mehr Prävention gefordert. | © epd

Bielefeld Bielefelder Konfliktforscher: "Wir müssen lernen, mit Anschlägen umzugehen"

Andreas Zick von der Uni Bielefeld fordert angesichts der Münchner Amoktat mehr Prävention

Bielefeld (epd). In dem Amoklauf von München sieht der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick eine neue Qualität der Gewalt. Seine Einschätzung: Der Terror im öffentlichen Raum nimmt zu. Die Gesellschaft müsse lernen, mit Anschlägen zu umzugehen, sagte der Wissenschaftler in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Ebenso wichtig sei jedoch mehr Prävention bei gewaltbereiten Jugendlichen. Ist der Amoklauf von München eine neue Qualität von Terror und Gewalt? Zick: Da nun höchst wahrscheinlich München ein Fall eines Amoks im öffentlichen Raum ist und Würzburg eine islamistisch orientierte Tat zu sein scheint, dürfen wir Terror und Amok nicht vermengen. Das wäre für die Prävention nicht gut. Es sind zwar beides Amoktaten in dem Sinne, dass hier Einzelpersonen im öffentlichen Raum Gewalt ausüben und wahllos Menschen töten, aber die Ursachen sind zum Teil anders. Mit Blick auf die mit einer Botschaft verbundenen Gewalt im öffentlichen Raum müssen wir feststellen: Es kommt mehr Terror als je zuvor in den öffentlichen Raum. Wie kommt das? Zick: Wir müssen uns der Frage stellen, wie Menschen aufgrund von psychischen Krisen, Sinnsuche oder Gewaltnähe so radikal werden, dass sie sich zu so einer Tat entscheiden. Auch der Täter in München scheint sich mit dem Amokläufer Anders Behring Breivik beschäftigt zu haben, der auf den Tag genau fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2011, in Norwegen 77 Menschen tötete. Das zeigt: Botschaftsorientierte Gewalt ist ein Thema, und sie nimmt zu. Es entwickeln sich Gewaltkulturen, wenn die Prävention nicht gut aufgestellt ist. Was treibt die Täter an? Zick: Die Ursachen für Amoktaten sind sehr unterschiedlich. Teilweise decken sie sich mit denen für Terrortaten, wenn die Terroristen hier aufgewachsen sind. Die einen leiden unter psychischen Störungen, die ihren Realitätssinn extrem eintrüben. Wieder andere suchen Beziehungen und finden sie in gewaltorientierten Milieus. Eine weitere Gruppe sucht Sinn und Identität und drückt durch die Gewalt und die Tötung aus: Seht her, ich bin es und ich kann das. Sie rechnen mit ihrem eigenen Tod? Zick: Die Selbsttötung ist vorher eingeplant, viele Amoktäter hinterlassen Tagebücher, lassen Suizidgedanken durchsickern im sozialen Umfeld oder im Internet. Manche Täter wollen mit der Tat erreichen, dass etwas aufhört - ihre Krise, ihr Leiden. Dass sie Andere in den Tod reißen, liegt oft daran, dass sie alle Schuld für Krisen auf die Außenwelt schieben. Was für ein Motiv vermuten Sie im Fall von München? Zick: Der Attentäter von München hatte sich wohl intensiv mit Amoktaten auseinandergesetzt, als er mit seiner psychischen Erkrankung nicht klarkam. Er hat Amok studiert. Damit verortet er sich selbst in einer Amokkultur. Auch das ist nicht untypisch. Der Amok wird innerlich zum Teil der Identität und dann inszeniert. In München und Würzburg hatten die Täter einen Migrationshintergrund. Ist das ein Zufall? Zick: Der Migrationshintergrund erklärt erst einmal gar nichts. Bedeutender sind Einflussfaktoren wie Krisen, leichte Waffenbeschaffung, kriminelle Milieus, wenig Beratung und fehlende Beziehungen. Migration kann dann ein Gewicht haben, wenn Täter sich in ein Bild hineinsteigern, dass sie als Migranten minderwertig sind. Der Münchner Täter war ein junger deutscher Erwachsener. Jetzt den Migrationshintergrund heranzuziehen, schafft unter jungen Menschen mit Migrationsgeschichte eine Unruhe, die niemand braucht. Wie bewerten Sie die Berichterstattung über die Anschläge? Zick: In Würzburg und München hat die Öffentlichkeit viel besser reagiert als noch vor Jahren. In München haben Behörden Informationen gegeben. Im Zustand der Panik sind Informationen beruhigend und besser als weitere Panikmache. Auch die meisten Medien haben nicht vorschnell Schubladen - wie Muslime oder Zuwanderer - aufgemacht. Dass dennoch Populisten die Lage nutzen, damit müssen wir angesichts der Meinungsfreiheit umgehen. Was kann die Gesellschaft tun angesichts von extremer Gewalt? Zick: Wir haben gemerkt, dass auch die Öffentlichkeit lernen muss und kann, wie man mit Extremereignissen umgeht. Zum Teil lernen Schüler bereits in der Schule, was sie tun können bei einem Amoklauf. Wir müssen lernen, mit Terroranschlägen umzugehen. Kann es Prävention gegen solche Anschläge geben? Zick: Beim Schulamok haben wir Schulen sehr fitgemacht, präventiv viel zu tun: Es gibt ein Präventionsnetzwerk. Es wird außerdem Expertise eingeübt, im Fall eines Anschlages werden sofort die wichtigsten Stellen informiert. Wir haben aber immer noch keine gute Diagnostik für Gewalttäter, bei denen Ideologien eine Rolle spielen. Was ist also zu tun? Zick: Wir könnten Risikobeurteilungen besser aufstellen, ohne dass wir nun alle möglichen Personen verdächtigen. Wir könnten die Sensibilität für junge Menschen in Krisenlagen verbessern. Gewalt im öffentlichen Raum ist in modernen Gesellschaften, in denen Leistungsdruck und Vereinzelung herrschen, ein Thema, auf das wir uns einstellen müssen. Wir brauchen mehr integrative Kräfte für junge Menschen. Jugendarbeit lohnt sich in Zeiten, wo das Internet erlebnisreicher ist als der Alltag, mehr denn je.

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