Ein Fall an einer Bahnhaltestelle in Bielefeld sorgt für Kritik. Eine Frau war völlig weggetreten - und niemand rief den Rettungswagen. - © dpa (Symbolbild)
Ein Fall an einer Bahnhaltestelle in Bielefeld sorgt für Kritik. Eine Frau war völlig weggetreten - und niemand rief den Rettungswagen. | © dpa (Symbolbild)

Bielefeld Wartende lassen in Bielefeld hilflose Frau einfach liegen

Kritik: 20-Jährige ruft an der Station Schildesche die Rettung, keiner der Umstehenden hilft

Jens Reichenbach

Schildesche. Auf ihrem Nachhauseweg hat eine 20-jährige Frau aus Schildesche etwas erlebt, das sie enorm schockiert hat: Eine Frau liegt am späten Montagnachmittag an der Endstation Schildesche, An der Reegt, auf einer der Bänke und fällt von dort fast zu Boden. Die 20-Jährige spricht die offenbar verwahrloste Frau an, die aber nicht reagiert und aus Sicht der Helferin nahezu bewusstlos war. "Die war völlig weg. Die hat nur einmal kurz die Augen geöffnet", sagt die Schildescherin. Sofort fragte die junge Frau die etwa sechs bis acht Umstehenden an den Haltestellen, ob schon jemand einen Rettungswagen gerufen habe. Doch von dort kam nur Schweigen. Die 20-Jährige ist entsetzt: "Besonders schockierend war für mich, dass die Busfahrer, die dort längere Zeit standen und Pause machten, nur zu mir herübersahen. Aber keiner hat versucht, mir zu helfen." Einer von ihnen habe sogar noch mitgeteilt, dass die Frau so schon länger dort liegen würde. »Ich weiß nur, dass ich von der Menschheit enttäuscht bin« Die 20-Jährige, die außer einem Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein keinerlei Erfahrungen in solchen Fällen hat, geriet langsam in Panik: "Ich war mit der Situation so ganz alleine überfordert." Als wenige Minuten später der Rettungswagen kam, waren alle Umstehenden verschwunden. "Die Frau kam nun zu sich und machte einen völlig verwirrten Eindruck. Sie konnte keinen richtigen Satz sprechen. Dann klagte sie sogar über Herzschmerzen." Der Rettungsdienst nahm die Patientin auf - im Fachjargon spricht man in so einem Fall von einer "hilflosen Person". Die 20-Jährige betont, dass sie die Frau nicht alleine lassen wollte. Ich selbst war kreidebleich und zitterte. "Die Sanitäterin hat zu mir gesagt: Sie sehen nicht gut aus." Rettungsdienst: Die Helferin hat alles richtig gemacht" Ob die Frau ernsthaft krank war oder lediglich einen Alkoholrausch ausschlief, weiß die mutige Ersthelferin bis heute nicht. "Ich weiß nur, dass ich von der Menschheit enttäuscht bin. Ich frage mich, ob die mich auch so liegengelassen hätten, wenn ich Hilfe gebraucht hätte." Auf Anfrage beim Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr sagt Sprecher Thomas Epp: "Die Helferin hat alles richtig gemacht, nachdem die Frau nicht ansprechbar war. In solchen Fällen sollte man lieber einmal zu viel als zu wenig anrufen." Denn: Wie könne ein Laie so eine Situation exakt einschätzen? "Ob die Frau nur einen Rausch ausschlafe, eine Alkoholvergiftung habe oder einen Kreislaufzusammenbruch erlitten hat, das stellt erst die Rettungswagenbesatzung fest", so Epp. Tatsächlich sei die Frau auch anschließend ins Krankenhaus gebracht worden, betont Epp. Auch MoBiel reagierte auf die schriftliche Kritik der 20-Jährigen. Am Telefon versicherte man ihr, dass man nochmals an die Busfahrer appellieren wolle, dass Erste Hilfe stets vor der Einhaltung des Fahrplans stehe.

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