Schildesche/Theesen Eine Bielefelderin trifft nach 65 Jahren ihre Babysitterin wieder

Biografie: Gerda Winge (78) hat Gabriele Jaekel (69) früher betreut. Damals war sie selbst erst neun Jahre alt. Jetzt hat das "Kindermädchen" ihre Gaby wieder entdeckt - auf dem Titel eines Buches

Sylvia Tetmeyer

Schildesche/Theesen. Gerda Winge erinnert sich noch ganz genau. Sie war neun Jahre alt, als eine Frau aus der Nachbarschaft mit einem Kinderwagen an ihr vorbeiging. "Darf ich mal reingucken?" Das habe sie damals gefragt. Und dann habe sie Gabriele Jaekel zum ersten Mal gesehen. 68 Jahre später sitzen die beiden Damen gemeinsam in einer Theesener Bäckerei und freuen sich, dass sie sich wiedergefunden haben. "Ich war anderthalb Jahre alt, als Gerda mich entdeckte", erzählt Gabriele Jaekel (69). Erinnern könne sie sich an ihr "Kindermädchen" nicht mehr. Nur an ihre dicken, langen Zöpfe. "Das hat sich in meinem Unterbewusstsein eingeprägt", glaubt die Autorin. Gerda Winge hat damals mit ihren Eltern nur unweit der Stiftsstuben gewohnt. Gabriele Jaekel lebte mit ihrer Familie gegenüber der Gaststätte, in einem Haus des Bierverlags Landwehr. "Ich habe mich gleich wohlgefühlt, als ich zum ersten Mal in das Haus gekommen bin", erinnert sich Winge. Irgendwann habe sie jeden Tag geklingelt - immer um 13.30 Uhr. Dann durfte sie mit Gabriele ausfahren. Um 17 Uhr habe sie die Kleine wieder zurückbringen müssen. "Mädchen haben damals gerne kleine Kinder im Wagen herumgefahren", berichtet die 78-Jährige. Sie selber habe keine Geschwister gehabt. Bis heute hat sie den Geschmack der Himbeerbonbons im Mund. Damit seien die Ausflüge damals versüßt worden. "Wir haben immer eine Papiertüte voll Bonbons gekauft. Einen Pfennig kosteten die", erinnert sie sich. Rund vier Jahre lang habe sie auf Gaby aufgepasst. Nach der Konfirmation sei der Kontakt dann "völlig abgerissen". Schließlich sei ihre Familie umgezogen. "Ich war der erste weibliche Lehrling bei der Firma Droop und Rein", erzählt sie. "Die ganzen Jahre habe ich mich gefragt, was aus Gabriele geworden ist", verrät Gerda Winge, die seit 1986 mit ihrem Mann in Theesen wohnt. Ende vergangenen Jahres hätte sie eine Freundin auf das Buch "Wohin, ihr Wolken?" aufmerksam gemacht. Auf dem Cover sei ein Bild ihres ehemaligen Schützlings abgebildet gewesen. "Ich habe sofort zum Telefonhörer gegriffen", berichtet die gelernte Industriekauffrau. Bewusst erinnern kann sich Jaekel an ihre Babysitterin nicht mehr. "Sie war ein Mutterersatz für mich", sagt sie. Die Eltern seien streng gewesen und hätten nie viel Zeit gehabt. Für Gerda Winge waren die Nachkriegsjahre eine "total schöne Zeit." Sie habe sich in der Familie der kleinen Gaby "gut aufgenommen" gefühlt. Schließlich habe sie mit dem Kinderwagen überall hinfahren können. Auf dem Platz an der Stiftskirche hätten sich auch regelmäßig Mütter getroffen. In ihrem Buch berichtet Gabriele Jaekel auf rund 440 Seiten über das dörfliche Schildesche, in dem sie aufgewachsen ist. Im ersten Teil geht es um die 1950er Jahre. 1953 war sie die erste Kinderschützen-Königin nach dem Krieg. Alle Kutschen und Pferde seien von der Gärtnerei Brinkötter geschmückt worden. Die Jöllenbeckerin, die bereits als Hotelmeisterin, Erzieherin, Gastronomin und Kreuzfahrtdirektorin gearbeitet hat, plant eine Fortsetzung ihrer Biografie. Die Familie sei vor allem am Schweigen der Eltern zerbrochen, die nie über die Nazizeit gesprochen hätten. Ihr Vater sei als Soldat in Russland gewesen und habe ein Bein verloren. Ihre Mutter sei Sekretärin der Wehrmacht gewesen. Das Buch hat sie ihren Töchtern Katrin und Christine sowie ihren fünf Enkelkindern gewidmet. Durch ihre Geschichte hofft sie, die Menschen zum Nachdenken zu bringen und zum Reden bewegen zu können.

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