Kevin Müller zeigt bewusst Gesicht, obwohl er permanent bedroht wird von ehemaligen Kameraden aus dem militanten Rechtsextremisten-Milieu. Der 24-Jährige bereut seine braune Zeit. Er will Jugendliche vor den Nazi-Lügen bewahren. - © FOTO: REIMAR OTT
Kevin Müller zeigt bewusst Gesicht, obwohl er permanent bedroht wird von ehemaligen Kameraden aus dem militanten Rechtsextremisten-Milieu. Der 24-Jährige bereut seine braune Zeit. Er will Jugendliche vor den Nazi-Lügen bewahren. | © FOTO: REIMAR OTT

BIELEFELD "Die wollen mich tot sehen"

Ein Nazi-Aussteiger berichtet – und erlebt Überraschendes in einer Bielefelder Schule

VON ANSGAR MÖNTER

Bielefeld. "Das habe ich so noch nicht erlebt." Kevin Müller ist unangenehm überrascht über das, was gerade passiert ist im Westfalenkolleg in Bielefeld. Zwei Veranstaltungen hat es dort gestern Morgen gegeben, mit jeweils mehr als 100 Zuhörern. Bei der ersten stieß der Nazi-Aussteiger aus Berlin auf Gegenrede und Abwehr. Einige verließen gar aus Protest die Aula. "Nazis sind öfter da", sagt Müller, "aber meistens halten sie die Klappe."

Auslöser der Situation war die Information, dass ein Mitglied der Band "Sleipnir", sehr beliebt in der Nazi-Szene, Schüler am Kolleg ist. Da ist es einigen sauer aufgestoßen, dass der Ex-Nazi Müller sagt: "Musik spielt die größte Rolle überhaupt beim Einstieg in die Szene, sie ist so etwas wie die Eintrittskarte ins 4. Reich."

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Heute in der Volkshochschule

"Einer von uns" lautet der Titel der Veranstaltung mit Nazi-Aussteiger Kevin Müller heute in der Volkshochschule, Ravensberger Park. Beginn ist um 19.30 Uhr, Veranstalter ist das "Bielefelder Bündnis gegen Rechts" mit VHS und DGB-Jugend. Mit dabei ist David Begrich von der Arbeitsstelle "Rechtsextremismus" des Vereins "Miteinander" aus Magdeburg. Begrich ist Kenner der militanten Nazisszene in den östlichen Bundesländern. Er erläutert die Hintergründe zu Müllers Erfahrungen.

Er hat es erlebt. Jahrelang war Müller dabei, führte Nazi-Kameradschaften in der Uckermark in Brandenburg, war Schatzmeister in einem NPD-Kreisverband im Osten, hat Jugendliche angeleitet, hat politisch agitiert, hat auf Schulhöfen mit CD’s um rechtsextremen Nachwuchs geworben. "Durch die Musik entsteht erst der Hass in den Köpfen", sagt Müller. Deshalb macht er die Musiker, die mit ihren Texten gegen Ausländer, Juden, Andersdenkende oder andere Minderheiten hetzen, mitverantwortlich für die rohe Gewalt vieler Nazis, die zahlreiche Menschenleben gekostet hat. "Es stimmt zwar, dass nicht alle Nazis körperliche Gewalt gutheißen, aber sie schauen dann eben nicht so genau hin, was die anderen machen", sagt der 24-Jährige.

Die Brutalität der Rechtsextremisten gegen einen "Linken" war sein Fanal, der Punkt, an dem Müller begann, sich schlecht zu fühlen in der braunen Szene. Er hat die Brutalität miterlebt, er stand dabei. Noch heute quält sie ihn. "Wenn ich daran denke, tut es mir weh und ich fühle mich ekelig." Depressionen begleiten ihn seitdem. Wenn er erlebt, wie Nazi-Musik verharmlost wird wie jetzt von Wenigen in Bielefeld, fühlt er sich elendig. "Ich musste erstmal raus und Fußball spielen."

Knapp 16 Jahre war Kevin Müller, als er mit der braunen Szene in Berührung kam. Zunächst hasste er die Nazis, weil sie ihn in der Schule in der Uckermark ständig verfolgten und prügelten, später wurde er einer von ihnen, weil ein charismatischer Extremist es bei ihm schaffte, Humanismus und Nationalsozialismus zusammenzubringen.

Schnell tauchten NPD-Kader bei ihm auf, sogar der Vorsitzende der Partei. Die letzten Zweifel an der Richtigkeit der Ideologie fegten Bücher hinweg, die den Holocaust leugneten. "Irgendwann war ich voll drin, ich habe mich total abgekapselt von der Gesellschaft", berichtet Müller. Es gab nur noch die Ideologie: Nazi-Zeitungen, Nazi-Bücher, Nazi-Freunde, Nazi-Freundin. "In meiner Wohnung hatte ich Porträts von Heß, Hitler und Mengele." Alles außerhalb der Szene war "verseucht vom BRD-System" oder von der "jüdischen Weltverschwörung".

Kevin Müller macht zurzeit eine Ausbildung als Altenpfleger. Später will er Sozialpädagogik studieren. Vielleicht. Jedenfalls will er etwas wieder gut machen. "Sieben Jahre meines Lebens habe ich verschenkt", sagt er. Die vergangenen zwei Jahre tourte er durch Deutschland. Wohl über 100 Mal wurde er eingeladen von Schulen oder anderen Institutionen, um über die Szene und seinen Ausstieg zu berichten. Permanent wird er deswegen bedroht und attackiert von ehemaligen Kameraden. "Die wollen mich tot sehen." Er aber will Gesicht zeigen: "Für mich ist es eine Befriedigung, wenn ich erreiche, dass Jugendliche nicht auf die Lügen der Nazi-Propaganda reinfallen."

Der Berliner blickt mit Entsetzen zurück auf den Hass der Nazis, ihre Entmenschlichung anderer Gruppen, ihre Rohheit. Er hat erlebt, dass nicht nur Springerstiefelträger gewalttätig sind, sondern auch Anzugträger. Müller sagt, die so genannten Freien Kameradschaften und die NPD pflegen ein sehr enges Band. Die Organisationen sind verwoben und straff hierarchisch organisiert, "es sei denn, es wird gesoffen, und das wird oft". Den Alkohol habe sich seine Kameradschaft, die "Hatecore Warriors", vom Verfassungsschutz bezahlen lassen. "Zwei Mitglieder waren V-Leute. Dass war allen bekannt. Sie sind da hin und haben sich angeboten, ab und zu unwichtige Details mitgeteilt und dafür das Geld abkassiert."

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