Ein gelöst wirkender Gerhard Sagerer kurz nach erfolgter Wahl zum Rektor an einem Platz, den Studenten gerne zum Arbeiten und Lesen nutzen. - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Ein gelöst wirkender Gerhard Sagerer kurz nach erfolgter Wahl zum Rektor an einem Platz, den Studenten gerne zum Arbeiten und Lesen nutzen. | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Der Neue

PORTRÄT: Gerhard Sagerer, designierter Rektor an der Universität Bielefeld

VON ELMAR KRAMER

Bielefeld. Die erste Begegnung mit der Stadt im Ostwestfälischen hat den jungen Wissenschaftler aus Süddeutschland sehr bewegt. Viel weiß er nicht von der Universität Bielefeld, als er sich 1990 zur Berufungsverhandlung einfindet. Eine neue Fakultät wird gegründet. Der 34-jährige Besucher erblickt das Unigebäude und hat großen Respekt. Alles unter einem Dach – das hätte er sich an der Uni Erlangen/ Nürnberg oft gewünscht. Gerhard Sagerer nimmt den Ruf an. Diese Entscheidung sollte er nicht bereuen.

Frisch habilitiert ist Diplom-Informatiker Sagerer 1990. Thema der Schrift: "Automatisches Verstehen gesprochener Sprache". Der junge Mann, der als Professor für Angewandte Informatik geholt wird, gilt als hartnäckiger Forscher, der nicht locker lässt auf der Suche nach neuer Erkenntnis.

Außerhalb der Wissenschaft reift in Sagerer die Erkenntnis, dass sich in Bielefeld Lebensqualität bietet. Und in der Forschung lässt sich einiges verwirklichen. Die Technische Fakultät wächst und gedeiht. 1991 wird Sagerer Mitglied im akademischen Senat, 1993 bis 1995 und 1997 bis 2001 Dekan der Fakultät, im Anschluss wirkt er als Prorektor für Studium und Lehre (bis 2007).

Spätestens Mitte des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend beginnt der Wettbewerb der Hochschulen immer schärfer zu werden. Als Prorektor begleitet Sagerer Aktivitäten der Uni auf bislang unbekanntem Terrain, der Kommunikation mit Schülern. "Wenn eine Universität für Studierende attraktiv sein und sie gewinnen will, muss sie sich an die Klientel wenden, die später an die Universität kommen kann und wird", sagt der Prorektor damals. Und er spricht von einem Bewusstseinswandel der Universitäten, auch der Bielefelder: "Das gönnerhafte ,Du darfst bei uns studieren’ ist einem ,Wir wollen dich’ gewichen."

Diese Sätze haben nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Rankings gewinnen an Einfluss auf Studienortentscheidungen, Forschungsrankings geben Aufschluss über Top- und Mittelmaß-Standorte, nicht zuletzt die Exzellenzinitiative fordert Profilierung. Gleichzeitig werden Studiengebühren bundesweit eher Regel statt Ausnahme, Studenten suchen sich Hochschulen gezielter aus als noch vor zehn, fünfzehn Jahren und fordern gute Bedingungen ein.
Das ist keine unumstrittene Entwicklung, die auch Sagerer in vielen Debatten im Senat begleitet. Gerade Vertreter des Humboldtschen Bildungsideals und Gegner ökonomischer Verwertbarkeit von Wissen tun sich schwer mit den Veränderungen. Sie sehen die Freiheit der Lehre eingeschränkt. Teile der heutzutage schwach organisierten Studentenschaft gehen auf die Barrikaden, wollen bessere Lehre und Bedingungen statt Exzellenz.

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