Bielefeld Bielefelder Hooligan-Prozess: Kritik am Strafmaß für zweiten Haupttäter

Der Tag der Urteilsverkündung

Bielefelder Hooligan-Prozess: Kritik am Strafmaß

für zweiten Haupttäter - © Bielefeld
Bielefelder Hooligan-Prozess: Kritik am Strafmaß
für zweiten Haupttäter | © Bielefeld

Bielefeld. Selten hat ein Prozess in Bielefeld bundesweit für so viel Aufmerksamkeit gesorgt. Zur Urteilsverkündung im Hooligan-Prozess am Dienstagnachmittag hatten sich diesmal nicht nur die Medien, sondern auch viele Beteiligte des Verfahrens zahlreich eingefunden: Polizeibeamte, Fans, Fanbetreuer, Arminia-Funktionäre. Auch die Familie und Freunde des Hauptopfers, Malte K., waren angereist. Einige Zuschauer mussten sogar stehen, als die elf Urteile verkündet wurden.

Philipp G. blickt mehrfach im Saal in die Runde. Blicke, die möglicherweise auf seine innere Anspannung hindeuten. Doch kaum ist der Urteilstenor verkündet, sitzt er so kerzengerade und scheinbar gefasst auf seinem Platz, wie er es auch an den vorherigen 15 Verhandlungstagen getan hat. Lediglich ein gelegentliches nervöses Trommeln mit den Fingern könnte als Zeichen innerer Aufgewühltheit gedeutet werden. Die Kammer verurteilt den Espelkamper wegen versuchten Mordes zu vier Jahren und zehn Monaten Jugendstrafe, neun Mitangeklagte erhalten Bewährungsstrafen.

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Unter ihnen der zweite Haupttäter, ein 21-jähriger Mann aus Leopoldshöhe, der mit dem Ruf "Scheiß Bremer" am 5. Mai 2012 das Startsignal zum Angriff auf die friedliche Gruppe von Werder-Fans gegeben hatte und die zwei Fans mit der Faust niederstreckte, auf die Philipp G. später folgenreich eintrat.

Kilian K. sei Anführer und Initiator des Überfalls gewesen, hieß es in der Urteilsbegründung, und mit "erheblicher Rücksichtslosigkeit vorgegangen. Deshalb bekam er auch die zweithöchste Strafe: Zwei Jahre, ausgesetzt auf Bewährung. Die Entscheidung für eine Bewährung sei eng gewesen, betonte der Vorsitzende Richter Carsten Nabel. Er habe aber – anders als Philipp G. – "nur" mit Fäusten zugeschlagen.

Gerade dieses juristisch entscheidende Detail hat bei den Angehörigen und Freunden der Opfer großen Diskussionsbedarf ausgelöst. Maltes Vater sagte nach dem Urteil erregt: "Dass Kilian K. eine Bewährungsstrafe bekommen hat, ist eine bodenlose Frechheit." Auch für Maltes Mutter (siehe Kasten) ist die Bewährung ein Rätsel: "Ich bin der festen Überzeugung, dass man in Bielefeld noch von dem jungen Mann hören wird."

Stoisch nimmt der Angeklagte aus Espelkamp - neben Verteidiger Detlev Binder - das Urteil wegen versuchten Mordes entgegen. Immerhin vier Jahre und zehn Monate Haft. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Stoisch nimmt der Angeklagte aus Espelkamp - neben Verteidiger Detlev Binder - das Urteil wegen versuchten Mordes entgegen. Immerhin vier Jahre und zehn Monate Haft. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Auch der mit einem zweiten Kopftritt verletzte Werder-Fan Sebastian W. (29) sagte, er habe wenigstens auf eine kurze Haftstrafe für Kilian K. gehofft. Die übrigen Urteile seien nachvollziehbar und zufriedenstellend, betonte er. "Es ist eine Genugtuung, dass mit einer Ausnahme alle eine Strafe bekommen haben. Malte und ich sind froh, dass es jetzt vorbei ist."

Auch für Arminia Bielefeld war der Abschluss des Prozesses wichtig. Neben den Fanbeauftragten verfolgte auch DSC-Geschäftsführer Marcus Uhlig die Urteilsverkündung. Anschließend betonte er: "Wir werden mit Ende des Prozesses das Buch jetzt nicht zumachen. Aus unserer Sicht muss der 5. Mai 2012 als Erinnerung bestehen bleiben." Uhlig habe im Prozess vor allem beeindruckt, dass hier scheinbar "ganz normale Jungs" auf der Anklagebank saßen – weder aus sozial problematischen Verhältnissen noch mit schwerer Jugend. "Wir müssen uns die Frage stellen: Warum geht für sie so eine Faszination von der Gewalt aus?"

Jörg Hansmeier vom Fan-Projekt will ebenfalls viel tun, damit der Vorfall bei den Fans präsent bleibt. Der Fall habe schon etwas in den Köpfen der hiesigen Ultras verändert. "Aber ich fürchte, bei einigen ist es noch nicht tief genug gedrungen, um ein nachhaltiges Umdenken zu erreichen." Gerade dann, "wenn sich in emotional aufgeladenen Situationen" – wie beim Derby – plötzlich eine Gruppendynamik entwickele, "wünsche ich mir mehr, die sich über die Folgen ihres Tuns im Klaren sind."

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