Bielefeld Ein Hindu-Tempel für Bielefeld

Unter Regie der Tamilen entsteht in Ummeln ein religiöser Treff / Einweihungsfeier beginnt am 23. Januar

VON ANSGAR MÖNTER
Sivasothy Varatharajah und Priester Sri Kumarsarma stehen am provisorischen Hindu-Altar am Begaweg. Einen Raum weiter wird gerade am letzten Schliff für den neuen Tempel gearbeitet, der in wenigen Tagen eröffnet wird. - © FOTO: ANDRAS ZOBE
Sivasothy Varatharajah und Priester Sri Kumarsarma stehen am provisorischen Hindu-Altar am Begaweg. Einen Raum weiter wird gerade am letzten Schliff für den neuen Tempel gearbeitet, der in wenigen Tagen eröffnet wird. | © FOTO: ANDRAS ZOBE

Bielefeld. Murugan ist in der hinduistischen Mythologie der Sohn Shivas, einem der drei Hauptgötter. Murugan ist nun auch der Namensgeber des ersten Hindu-Tempels in Bielefeld. Der entsteht gerade am Begaweg 11 in Ummeln. Am kommenden Freitag, 23. Januar, beginnt die mehrtägige Einweihungszeremonie.

Information

Feuerzeremonien

Die Einweihung des "Kalyana Thiru Murugan-Tempels" am Begaweg beginnt am Mittwoch, 23. Janaur, mit der zeremonischen Reinigung des Ortes vor ungünstigen Einflüssen;

Am folgenden Freitag bis Sonntag werden die Gottheiten installiert, Feuerzeremonien abgehalten, eine Prozession um den Tempel absolviert, die Gottheiten mit einer Wasserzeremonie zum Leben erweckt und Musik und Essen dargeboten;
Weitere 48 Tage folgen spezielle Zeremonien.

Vor allem durch den Bürgerkrieg auf Sri Lanka ist der Hinduismus nach Bielefeld und Umgebung gekommen. Vor 30 Jahren erreichten die ersten Flüchtlinge dieses Inselstaats an der Südspitze Indiens die Stadt, fast alle ethnische Tamilen. Einer von ihnen war Sivasothy Varatharajah. Der 56-Jährige ist seit 1984 Bielefelder. Insgesamt leben rund 2.500 Tamilen in und um Bielefeld, von denen 95 Prozent Hindus sind. Eine religiöse Heimstätte hatten sie bisher nicht. "Dafür mussten die Hindus bisher zum Tempel nach Hamm fahren", sagt Varatharajah.

Doch der Wunsch vieler Hindu-Familien aus OWL ist jetzt in Erfüllung gegangen: Endlich haben sie einen eigenen, hauptsächlich durch Spenden finanzierten Tempel. "Der ist auch deshalb wichtig, weil fast alle Kriegsflüchtlinge sind und jede Familie Tragödien verarbeiten muss", erklärt Varatharajah. Als Vorsitzender des Tamilischen Kultur- und Bildungsvereins kennt er die Traumata seiner Volksgruppe – und auch er selbst ist Kriegsflüchtling.

Der Tempel wird vor allem ein Ort für Ruhe und Begegnung. Die Mitglieder meditieren in dem 240 Quadratmeter großen Raum mit Fußbodenheizung. Dort stehen Götter-Darstellungen, die künstlerisch und handwerklich von Shanmagalingan Sakthivel (35) verantwortet werden. Außerdem finden die Hindus in der Immobilie am Rande Bielefelds, die früher einen Elektro–Betrieb beheimatete, Platz für kleinere Feiern.

In diesem Raum praktizieren demnächst die Hindus aus Bielefeld und Umgebung. Die Götterfiguren und ihre Schreine sind allesamt im Eigenbau entstanden.
In diesem Raum praktizieren demnächst die Hindus aus Bielefeld und Umgebung. Die Götterfiguren und ihre Schreine sind allesamt im Eigenbau entstanden.

Fast alle Mitglieder sind Tamilen; über den Verein "Deutsch-Indische Freundschaft" kommen wenige andere Ethnien sowie Urdeutsche hinzu. Die tamilische und hinduistische Gemeinschaft richtet ihre Aufmerksamkeit vor allem nach innen. Sie missioniert nicht. Diese Einstellung findet am und im Bau Ausdruck. Innen wird akribisch modelliert, gestrichen, gemalt, gesägt, gehämmert und gestaltet, außen bleibt das Gebäude in dem Mischgebiet aus Wohnhäusern und Gewerbe unscheinbar. "Vielleicht streichen wir es mal", sagt Sivasothy Varatharajah.

Priester der ostwestfälischen Hindus ist Sri Kumarsarma (55), der noch in Hannover lebt, demnächst aber wohl nach Bielefeld zieht. Der Brahmane vergleicht seine Aufgabe mit der eines christlichen Pfarrers. "Ich helfe den Menschen, ihren Weg zu Gott zu finden", sagt er. Den Weg gehen aber müssen sie selbst. Und Wege gibt es im Hinduismus so viele wie Götter – unendlich viele. Jeder Gott repräsentiert eine Energie. Und die Götter zusammen bilden eine Familie, sie sind untereinander Brüder, Schwestern, Söhne, Töchter, Mütter und Väter.

Es gibt keine religiöse Institution im Hinduismus, die die Wege festlegt. Deshalb ist der Hinduismus in der Regel undogmatisch. "Offen und flexibel", wie Varatharajah sagt. Sogar für Jesus findet die Religion problemlos einen Platz. Welche Gottheit die Tempel ins Zentrum stellen, ist den Gemeinschaften überlassen. "Praktizierende können in jeden Tempel gehen", erklärt Priester Sri Kumarsarma. Die drei Hauptgötter Brahma, Shiva und Vishnu sind sowieso überall gegenwärtig – auch im Ummelner Industriegebiet.

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