Bielefeld Gewaltforscher über Schul-Amokläufer: "Sie wollen berühmt werden"

INTERVIEW mit Dr. Peter Sitzer

Dr. Peter Sitzer, Wissenschaftler an der Universität Bielefeld und Mit-Herausgeber eines Buches über Amokläufe an Schulen. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Dr. Peter Sitzer, Wissenschaftler an der Universität Bielefeld und Mit-Herausgeber eines Buches über Amokläufe an Schulen. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Spätestens seit dem Schulmassaker in Littleton/USA von 1999 kommt es anscheinend regelmäßig zu Amokläufer an Schulen – auf der ganzen Welt. Tatsächlich stellen das auch Forscher fest. Ein wichtiger, wenn auch nicht alleiniger Grund liegt in den Möglichkeiten des Informationszeitalters. Dr. Peter Sitzer von der Universität Bielefeld, Mit-Herausgeber des zufällig am Tag des Amoklaufs von Newtown – zunächst als Online-Ausgabe – erschienenen Buches "School Shootings", erklärt im Gespräch mit NW-Redakteur Ansgar Mönter die Hintergründe.

Herr Sitzer, schon wieder ein Schul-Amoklauf. Man bekommt das Gefühl, dass sie sich häufen, dass sie fast schon Normalität werden.
DR. PETER SITZER: In dem Buch "School Shootings" haben wir eine Übersicht erstellt, die bis in die 1920er Jahre zurückgeht. Tatsächlich waren Amokläufe an Schulen vor den 1990er Jahren eher Einzelfälle, ab dann aber nahmen sie, vor allem in den USA, zu und wurden schließlich rund um die Welt "exportiert".

Rätselhaft, dieser offensichtlich extreme Hass auf Schule. Schließlich war die frühere Schule doch viel strenger, autoritärer und hierarchischer.
SITZER: Entscheidend ist etwas anderes: Die enorme Medienpräsenz, die es seit den 1990er Jahren gibt und das Internet. Das Massaker in Littleton an der Columbine-High-School hat wochenlang die Medien beherrscht und noch heute findet man sehr viel Material online: Polizeiberichte, psychiatrische Gutachten, Videos von Überwachungskameras und nicht zuletzt  Tagebücher und Selbstdarstellungen der Täter. Potenzielle Nachahmer finden hier nicht nur Hinweise, wie man einen Schulamoklauf vorbereitet und durchführt, sondern sie erhalten auch Einblick in die Gedankenwelt der Täter.

Hätte es Emsdetten, Erfurt, Winnenden oder Newtown etwa nicht gegeben, wenn Littleton nicht auf der ganzen Welt ein Thema gewesen wäre?
SITZER: Sicher ist, dass sich spätere Amokläufer, wie der von Emsdetten 2006, direkt auf die Täter von Littleton bezogen. Für ihn waren sie sogar so etwas wie Helden. Die Idee Amoklauf ist in der Welt.

Und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Oder?
SITZER: Nein, wohl kaum. Es ist ein Dilemma. Man kann weder die Berichterstattung noch die Forschung verbieten. Totschweigen funktioniert nicht. Doch alle Informationen sind im Gegensatz zu früheren Zeiten jetzt immer abrufbar, all die Videos, Manifeste, die Akten und Selbstdarstellungen der Täter. Das war in den 80er Jahren noch nicht so. Die Idee ist präsent, und es gibt immer welche, die sich damit identifizieren können, weil sie sich vielleicht in ähnlichen psychischen Lagen befinden und somit diese "Problem-Lösung" erwägen.

Die Täter haben ganz offensichtlich ein starkes Sendungsbewusstsein.
SITZER: Ja, einige richten ihre Botschaften an andere Schüler; der Täter von Emsdetten erklärte in einem Video seine Gedanken sogar in Englisch, er hatte also die Schüler in aller Welt im Blick. Einige Täter wollen über die Grenzen ihrer Schule, ihres Ortes, Berühmtheit erlangen. Die Littleton-Täter hatten sogar schon überlegt, wie ihre Tat verfilmt werden könnte und wer als Regisseur in Frage käme.

Gibt es erkennbare Muster?
SITZER: Was auffällig ist, dass die Taten in der Regel in relativ kleinen Städten passieren. Die These der Forschung dazu ist: Wer dort einmal ein Außenseiter ist, hat es anders als in Großstädten viel schwerer, einen Neuanfang zu schaffen.

Jenseits von Waffengesetzen: Wie ließen sich Amokläufe an Schulen verhindern?
SITZER: Seit Littleton gab es in den USA strukturierte Programme für Schulen. Damit sollen frühe Anzeichen eines möglichen Amoklaufs erkannt werden. Die Fälle in den USA sind in den Nuller-Jahren tatsächlich seltener geworden. Die Täter kommunizieren in der Regel ihre Pläne vorher. Oft machen sie subtile Andeutungen, um erste Reaktionen zu bekommen. Manche beschäftigten sich auffällig stark mit vorherigen Amokläufern, erstellten Todeslisten oder zeigten gar ihre Waffen.

Unerklärlich bleibt aber alles in allem, wie junge Menschen jegliche Empathie verlieren, um zu solchen brutalen Taten in der Lage zu sein.
SITZER: Es sind nicht einzelne Faktoren, es kommen sehr viele zusammen. Generell aber ist es nach der These von Frank Robertz, einem der Autoren in dem Buch, so, dass die Täter sich in einer Situation sehen, in der sie die Kontrolle verloren haben über ihr Leben. Aus diesem Kontrollverlust flüchten sind in eine Fantasie-Welt, in der sie die Kontrolle scheinbar wieder erlangen, indem sie Rache an denen nehmen, die sie für ihre Lage verantwortlich machen: Schüler, Lehrer, die gesamte Schule. Vermutlich versachlichen sie in ihrem Hass die Opfer, sie nehmen sie nicht mehr als leidensfähige Geschöpfe wahr.

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