Bielefeld Wasser wird teurer

Erlöse nicht mehr kostendeckend: Aufsichtsrat der Stadtwerke berät im Dezember

Anders als in vielen Teilen der Welt, ist Trinkwasser in Bielefeld reichlich vorhanden.
Anders als in vielen Teilen der Welt, ist Trinkwasser in Bielefeld reichlich vorhanden.

Bielefeld. Je weniger Trinkwasser verbraucht wird, umso teurer wird es. Und der Preis für das Abwasser steigt mit. Schuld ist in beiden Fällen das Leitungsnetz. Das muss nämlich umso mehr gepflegt werden, je weniger es benutzt wird. Bei unserem Wetter und unserer Landschaft sind Wasserspar-Appelle für Privathaushalte offenbar Unsinn. Einzelne Versorgungsunternehmen streben inzwischen gar eine Wasser-Flatrate an, einen Festbetrag für den Verbraucher, gleichgültig wie viel Wasser er abnimmt. Der Aufsichtsrat der Stadtwerke Bielefeld wird im Dezember über eine Preiserhöhung beraten.

Die Energiekosten steigen stetig. Darüber ereifern sich nicht nur die Fachleute, sondern immer wieder auch die Politik. Weit weniger Aufhebens wird um die Wasserversorgung gemacht. Dabei ist deren Kostenniveau in den vergangenen Jahren – zumindest bei denjenigen in Bielefeld, die ihren Verbrauch stark gesenkt haben – weit stärker angestiegen, als der Preis für Strom und Gas. Der Vergleich eines ausgewählten Haushaltes macht das deutlich.

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Im Beispiel wurden die Ausgaben aus dem Jahr 1992, damals als 100 Prozent angegeben, über die Jahre stetig beobachtet. Der Wasserpreis, den die Stadtwerke pro Kubikmeter verlangen, ist in dieser Zeit auf 178 Prozent des Ursprungswertes gestiegen. In der Abrechnung 2012 betrug das Kostenniveau des Beispielhaushaltes für Strom 177 Prozent, für Gas 228 Prozent, für Trinkwasser aber bereits 281 und für Abwasser 282 Prozent. Grund für den höheren Anstieg: Im Vergleichshaushalt wird nur noch ein Viertel des Wassers verbraucht wie vor 20 Jahren.

Preisniveau des Beispielhaushaltes

Die Kostenentwicklung des Beispiels, die wegen der jeweils unterschiedlichen Grundgebühren in jedem Haushalt individuell beobachtet werden muss, zeigt absurdes: Je geringer der Verbrauch, umso mehr steigt umgerechnet der Preis. Davor haben Experten lange gewarnt.

Als "Schwachsinn" bezeichnet beispielsweise Hans-Georg Frede, Professor am Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement der Universität Gießen, die Sparfunktionen an Wasch- und Spülmaschinen, auch wenn es im einzelnen Haushalt Geld spart. Das klassische Wassersparen führe zur Austrocknung der Leitungen, pathogene Keime könnten sich entwickeln, sagte er im Mai zur Eröffnung der inzwischen beendeten Ausstellung "Land schafft Ressourcen" im Naturkundemuseum. An vielen Orten der Welt mangele es an Wasser, in Deutschland hingegen gebe es das lebenswichtige Gut im Überfluss.

Die Wassergewinnung, das Leitungsnetz, die Mess- und Hygienetechnik, die Fixkosten also, machen bei den Stadtwerken rund 80 Prozent der Lieferkosten aus. Der Durchschnittskunde, ein Drei- bis Vier-Personenhaushalt mit rund 120 Kubikmetern Trinkwasserverbrauch, zahle als Grundgebühr – also ebenfalls Fixkosten – nur zwischen zehn und 20 Prozent auf seiner Rechnung, erklären die Stadtwerke. Das ist politisch so gewollt, um das Wassersparen zu honorieren. Sinkt die Abnahmemenge stark ab, macht der kleinste Zähler (Grundgebühr 70 Euro) schließlich dennoch den größten Kostenanteil aus, wie es am Beispielhaushalt zu sehen ist, bei dem das Preisniveau durch Grundgebühr und Verbrauchsmenge zusammen bestimmt wird.

Wasser sparen lohnt sich in Bielefeld also eigentlich nur in einem begrenzten Bereich. Aber das sagt so niemand. Die Stadtwerke halten sich bei einer Diskussion zurück, die andere Versorger bereits führen. Die bieten Preismodelle an, die einer "Flatrate", bekannt aus der Telefonbranche, nahe kommen. Der Zähler wird teuer berechnet, das Wasser selbst ist eher eine Zugabe.

Der sparsame Haushalt aus unserem Beispiel muss dann allerdings noch mehr bezahlen. Sparanstrengungen im privaten Umfeld würden kaum noch honoriert. Aber womöglich macht ein höherer Wasserverbrauch das Kanalsystem preiswerter. Ein geringer Durchfluss schlägt sich erkennbar in den Rohren nieder.

"Insbesondere in Trockenphasen gibt es verstärkte Absetzungen", sagt Petra Solscheid, Pressesprecherin des Umweltbetriebes. Folge: Die Kanäle müssen häufiger gespült werden – mit Wasser. Ob nun Reinigungs- oder Haushaltswasser, das dürfte den Kläranlagen gleichgültig sein.

Die Stadtwerke haben gestern bestätigt, dass der Wasserpreis die Kosten nicht mehr deckt. Er ist seit 2007 stabil. Auch hier der 20-Jahre-Vergleich: 1991 lieferte das Unternehmen 20,3 Millionen Kubikmeter Wasser an seine Kunden, 2011 waren es gerade noch 16,9 Millionen Kubikmeter. Der Aufsichtsrat werde sich im Dezember mit dem Thema befassen. Der Preis solle aber weiterhin eine verbrauchsabhängige Komponente enthalten.

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