Julia Römich und ihre Rennpferde im schicken, weiß getünchten Stall. - © FOTO: KERSTIN BÖGEHOLZ
Julia Römich und ihre Rennpferde im schicken, weiß getünchten Stall. | © FOTO: KERSTIN BÖGEHOLZ

BIELEFELD Im Galopp aufs Siegertreppchen

Die Bielefelderin Julia Römich trainiert in Mülheim und Frankreich erfolgreich Rennpferde

Bielefeld. Dass das Leben kein Ponyhof ist, weiß Julia Römich schon lange. Zwar ist die Bielefelderin am 1. August erst 35 Jahre alt geworden, aber mit neun Jahren wollte sie ein Pony – und musste schuften. "Ich habe Ställe ausgemistet, wofür ich 50 Mark bekam und so die wahrscheinlich reichste Neunjährige der Straße war. Aber dann durfte ich mir das Pony kaufen." Heute ist Julia Römich Galopprenntrainerin, stationiert seit kurzem in Mülheim an der Ruhr, wo sie auf der Galopprennbahn Raffelberg derzeit elf Pferde betreut und sie vorwiegend in Frankreich einsetzt – von Ponyhof-Romantik keine Spur.

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Die Pendlerin

Noch ist Julia Römich in Bielefeld gemeldet – bei ihren Eltern. Derzeit aber läuft der Umzug nach Mülheim. Was Mensch und Maschine vor Anforderungen stellt: Wöchentlich zwei Mal pendelt sie zwischen Ostwestfalen und Ruhrgebiet, mindestens einmal pro Woche wird ein Ziel in Frankreich angesteuert, zuletzt war es Dieppe, jetzt Rochefort.
Ausländischen Trainern, die in einem Jahr mindestens 50 Starts in Frankreich hatten, erhalten die dortige Lizenz.

Julia Römich ist eine aparte Erscheinung, selbst bei der schweißtreibenden Arbeit, die morgens um sieben beginnt und abends um sieben endet: "Wenn nichts dazwischen kommt", schränkt sie ein. Ihren vierbeinigen Schützlingen scheint zu gefallen, dass sie von einer Ostwestfälin umsorgt werden, die bei allem professionellen Ehrgeiz vor allem eins nicht vergessen hat: "Man muss Respekt haben." Respekt vor den Pferden, den Besitzern, den Jockeys, den Mitarbeitern, aber ganz vorne eben vor den Pferden: "Es ist doch ein Glück, sein Hobby zum Beruf machen zu können", erklärt sie und gibt ohne weiteres zu: "Auch wenn man dafür mitunter einen hohen Preis bezahlen muss."

Mit hohen Preisen kennt sie sich aus, denn nach Abitur im Verler Gymnasium und Ausbildung zur Pferdewirtin ging sie schnell in die Selbstständigkeit, trainierte Pferde von Eltern und Bekannten, kaufte auch selber und fiel damit auf die Nase: "Lehrgeld habe ich reichlich gezahlt", sagt sie, meint damit wohl auch den Behauptungskampf in einem von Männern (bisweilen rauen Männern) dominierten Geschäft und hört sich dabei fast melancholisch an. Was nicht wirklich zu ihr passt, denn: "Ich bin sehr spontan und eine Freundin eben solcher Entschlüsse."

Julia Römich und ihre Rennpferde im schicken, weiß getünchten Stall. - © FOTO: KERSTIN BÖGEHOLZ
Julia Römich und ihre Rennpferde im schicken, weiß getünchten Stall. | © FOTO: KERSTIN BÖGEHOLZ

Sage noch einer, Ostwestfälinnen seien schwerblütig: Julia Römich packte nach Engagements in Köln und Krefeld vor gut acht Jahren ihre Siebensachen und ging dahin, wo Galopprennen ein Wirtschaftsfaktor ist: Frankreich. Das Galoppzentrum der Grande Nation ist Chantilly, rund fünfzig Kilometer östlich von Paris. Hier gibt’s Ställe, Zucht-, Trainierbetriebe und Renntage zuhauf, hier tauchte die Bielefelderin tief ein.

Latein und Englisch hatte sie im Gymnasium gelernt, Französisch war nun gefragt: "Ich habe mir von den Eltern ein Buch für die 5. Klasse schicken lassen und Vokabeln gepaukt", schmunzelt sie heute, "und wenn ich wieder ein Wort nicht wusste, habe ich die englische Vokabel genommen und französisch ausgesprochen." Das kam erst an – mit manchem Heiterkeitserfolg – und war bald perfekt. In Frankreich war sie bald "die Französin mit dem deutschen Akzent", in der Heimat hörte man gern ihren französischen Akzent.

Bei Cheftrainer Fabrice Chappet arbeitete Julia Römich zunächst als Assistenztrainerin, dann wechselte sie zu Tony Clout – einem weiteren großen Namen in der französischen Szene. Aber die junge Frau wollte Selbstständigkeit und erreichte sie als Managerin: "Als Trainerin darf ich in Frankreich nicht arbeiten, weil der deutsche Abschluss nicht anerkannt wird", wirft sie einen Seitenblick auf "Europa", aber sie hatte gesehen: "Deutsche Besitzer und Trainer schickten ihre Pferde immer häufiger nach Frankreich." Und Julia Römich wurde – auch durch den sehr guten Kontakt zum Mülheimer Trainer Werner Baltromei (im Mai verstorben) eine Art "Botschafterin".

Sie organisierte vom Hotelzimmer für Besitzer eine Box mit entsprechender Pflege für den vierbeinigen Starter und einen Spediteur sowie den Jockey alles und noch viel mehr rund um den Start. Und beschloss im Frühjahr 2012: "Ich gehe zurück und nutze mein Wissen um Frankreich."

Acht Pferde, mit denen sie schon in Chantilly viel zu tun gehabt hatte, brachte sie mit, drei sind in den letzten Monaten hinzugekommen, und sie arbeitet. Wie ein Pferd arbeitet sie, wird dabei bezahlt wie ein Pony – sagt man so im Ruhrgebiet. "Ich gebe mir nur ein kleines Gehalt", lacht sie: "Ich muss meine Pferde eben oft ins Geld bringen, dann gibt’s mehr davon."

Ein paar Sieger (und noch mehr Platzierte) hat sie bislang gesattelt, jetzt soll Belango im tiefen Westen Frankreichs den Grand Prix de Rochefort gewinnen. "Dann hätte sich die Fahrt gelohnt", seufzt sie, denkt an 5.500 Euro für den Sieger – und ihre zehn Prozent.

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