BIELEFELD Kampf um die Klamotten

Gewerbliche Altkleidersammler drängen in den Markt – zum Unmut der gemeinnützigen Verbände

Jährlich sortieren deutsche Haushalte mehr als 1,5 Milliarden Textilien aus. - © FOTO: DPA
Jährlich sortieren deutsche Haushalte mehr als 1,5 Milliarden Textilien aus. | © FOTO: DPA

Bielefeld. Mehr als 750.000 Tonnen Klamotten landen jedes Jahr in Deutschlands Kleidersäcken. Doch wer meint, dass die entrümpelte Ware vom Frühjahrsputz direkt bei den Armen der Welt landet, irrt. Um die Textilien hat sich ein knallhartes Geschäft entwickelt – im Internet und unter kommerziellen Sammlern.

Angelika Schneider packt ihn am Kragen und schmeißt ihn auf die Rückseite. Der graue Wollpullover mit den beigen Knöpfen scheint tadellos erhalten zu sein. Die 51-Jährige sieht das auf den ersten Blick; seit 14 Jahren sortiert sie gebrauchte Klamotten, von Unterwäsche über Blusen und T-Shirts bis hin zu Schuhen und Winterjacken.

Schneider arbeitet in einer der größten gemeinnützigen Kleiderkammern Deutschlands: der Brockensammlung, kurz Brosa, der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

Information

Die Standards von Fairwertung

  • Der Altkleidersammel-Dachverband Fairwertung hat Standards für "faires Sammeln und Verwerten von gebrauchter Kleidung" entwickelt.
  • Demnach sind unter anderem Namens- oder Logo-Verkäufe an gewerbliche Recyclingfirmen verboten.
  • Sammler haben über ihre Aktionen eindeutig und wahrheitsgemäß zu informieren.
  • Alle Partner von Fairwertung, also auch die Brockensammlung, verpflichten sich, diese Standards einzuhalten.

300 bis 350 Tonnen in Bethel sortiert

Etwa 11.000 Tonnen Textilien stapeln sich im Jahr auf den Kleiderwagen der Brosa. "300 bis 350 Tonnen sortieren wir in Bethel direkt und bestücken damit unsere drei Secondhandläden", sagt Betriebsleiter Rüdiger Wormsbecher. Das höre sich erst mal nach viel an. "Doch es war schon mal mehr", so der Diakon, "noch vor zehn Jahren sammelten wir 12.500 Tonnen."

Vor allem der Anteil hochwertiger Kleider, der Fachmann nennt sie "Creme-Ware", sei zurückgegangen. "Viele Menschen bieten ihre alten Textilien inzwischen lieber auf Flohmärkten und im Internet an, statt sie zu spenden", sagt Wormsbecher. " Als Ebay aufkam, haben wir das sehr deutlich an der Qualität der gespendeten Ware gemerkt."

Das Internetauktionshaus erziele allein mit Kleidern, Schuhen und Accessoires ein weltweites Handelsvolumen von 5,4 Milliarden US-Dollar im Jahr, sagt Maike Fuest von Ebay. "In der Kategorie Mode stehen für 2010 40 Millionen Artikel zu Buche." In den ersten Wintermonaten 2011 gaben die Deutschen 15,5 Millionen Euro für Jacken und Mäntel aus. Welche Artikel neu und welche gebraucht waren, lasse sich nicht unterscheiden.

Gewerbliche Sammler drängen in den Markt

"In den Zeiten vor Ebay landeten hochwertige Textilien sicher in der Kleidersammlung", sagt Andreas Voget, Geschäftsführer des Verbandes Fairwertung. Mehr als hundert gemeinnützige Organisationen sind darin zusammengeschlossen. Deren Konkurrenz erwuchs nicht allein aus dem Internet; auch gewerbliche Sammler drängen immer stärker auf den Markt.

Angelika Schneider sortiert gespendete Kleider. Hinter ihr stapeln sich die Klamotten auf dem Rollwagen. - © FOTO: SARAH JONEK
Angelika Schneider sortiert gespendete Kleider. Hinter ihr stapeln sich die Klamotten auf dem Rollwagen. | © FOTO: SARAH JONEK

Voget ärgert, dass einige der Unternehmen mit unsauberen Methoden arbeiten. Dubiose Firmen unterwandern den Altkleidermarkt, indem sie mit Hilfsverbänden Verträge schließen, um deren Namen zu mieten. Dafür erhalten die Organisationen Geld.

Diese Unternehmen treten systematisch an gemeinnützige Verbände heran, um ihnen diesen Deal anzubieten", sagt Voget. Vielfach sei auch bei großen karitativen Sammlern nicht zu durchschauen, "wer die Sammlung durchführt und was mit den Textilien passiert", heißt es in einem Positionspapier von Fairwertung.

Deutsches Rotes Kreuz ist der größte Akteur

Mit rund 80.000 Tonnen Altkleidern jährlich ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK) der größte Akteur auf dem deutschen Markt. "Auf uns kommen immer wieder Unternehmen zu, die uns das Geschäft abnehmen wollen", sagt Ralf Großegödinghaus, Geschäftsführer beim DRK-Kreisverband Bielefeld.

"Wir behalten die Altkleidersammlung aber in eigener Hand." Die Ortsgruppe verwertet die Ware zweifach: Während der kleinere Teil in die Kleiderstuben wandert, veräußert der Kreisverband den größeren Teil an kommerzielle Wiederverwerter. "Wir haben aber nie einen Hehl daraus gemacht", sagt Großegödinghaus. Die Textilrecyclingunternehmen verkaufen die Ware meistens nach Osteuropa, Asien oder afrikanische Länder – und zerstören damit Jobs.

Die Brockensammlung in Bielefeld leitet ihre Ware zum Teil ebenfalls weiter. "Unsere Abnehmer exportieren auch nach Afrika", sagt Diakon Wormsbecher. "Wir gehen damit allerdings seit 1999 offen um." Der Umsatz der Brosa lag im Textilbereich zuletzt bei rund 4,4 Millionen Euro. "Was unterm Strich bleibt", sagt Wormsbecher, "fließt in Bethel in diakonische Aufgaben."

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