Bielefelder Biologe entdeckt neue Chamäleon-Art

"Tarzan" lebt im Regenwald Madagaskars

VON KURT EHMKE
Bielefelder Biologe entdeckt Chamäleon-Art - © BIELEFELD
Bielefelder Biologe entdeckt Chamäleon-Art | © BIELEFELD
Der populäre Name soll dem seltenen Tier bei seinem Schutz helfen. Es wird bis zu 13 Zentimeter groß, hat eine markante flache Schnauze, färbt sich unter Stress mit ebenso markanten gelben Streifen und hat vorne einen grauschwarzen Bereich. Jede Art hat nur ein bestimmtes Farbspektrum zur Auswahl und ist daran auch zu erkennen. - © FOTO: NW
Der populäre Name soll dem seltenen Tier bei seinem Schutz helfen. Es wird bis zu 13 Zentimeter groß, hat eine markante flache Schnauze, färbt sich unter Stress mit ebenso markanten gelben Streifen und hat vorne einen grauschwarzen Bereich. Jede Art hat nur ein bestimmtes Farbspektrum zur Auswahl und ist daran auch zu erkennen. | © FOTO: NW

Bielefeld/Tarzanville. Sie teilen sich in dieser Nacht in zwei Gruppen auf: Biologen aus Bielefeld, München, Braunschweig. Im Tarzan-Wald auf Madagaskar suchen sie Frösche, Geckos, Chamäleons. Sie rauben ihnen genetisches Material.

Ein Stück vom Schwanz, ein bisschen Schleim. Und achten ständig darauf, ob die Art bekannt ist. Madagaskar ist das Galapagos Afrikas – nur besser. Hier gibt es noch unzählige neue Arten. Als Sebastian Gehring ein kleines Chamäleon mit einzigartig flacher Schnauze sieht, weiß er sofort: "Das ist eine neue Art."

Die Quälerei hat sich gelohnt. Das wissen die Forscher. "Alle hatten ein breites Grinsen im Gesicht", sagt Gehring. Der in Jöllenbeck geborene Bielefelder arbeitet an der Technischen Universität in Braunschweig an der seiner Doktorarbeit in der Evolutions-Biologie. Er hat Biologie auf Lehramt studiert, im Referendariat war er am Gymnasium Waldhof – später will er Lehrer werden.

Links ist bereits alles abgeholzt, rechts geht es steil bergauf. Dieser kleine Urwaldrest ist für Tarzan überlebenswichtig. - © FOTO: NW
Links ist bereits alles abgeholzt, rechts geht es steil bergauf. Dieser kleine Urwaldrest ist für Tarzan überlebenswichtig. | © FOTO: NW

Die Chinesen holzen ab ohne Ende

Aber erst das Abenteuer. Das heißt Madagaskar. "Galapagos in groß", nennt er die Insel vor Mozambik, im Südosten Afrikas – größer als Frankreich ist sie. "Die Wissenschaft glaubt mittlerweile, hier noch mehr zur Evolution erfahren zu können als auf den Galapagos-Inseln." Seit 160 Millionen Jahren ist Madagaskar von Afrika getrennt, entwickeln sich hier Arten ohne gravierende Einflüsse von Außen. Gehring: "Erst seit 20 Jahren wird hier intensiv geforscht."

Zwar ist Madagaskar seit 2009 politisch instabil, Krieg aber gibt es nicht, "anders als meistens in Afrika gibt es da nur ein Volk". Dennoch sorgen sich die Biologen: "Unter der Anarchie leidet die Natur, es wird abgeholzt ohne Ende, die Chinesen holen da Tropenholz in Massen raus."

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Nachts sind alle Chamäleons hell

Wer auf Madagaskar ein Chamäleon entdecken will – vielleicht sogar ein unbekanntes –, der muss nachts losgehen. Was im Regenwald an steilen Hängen nicht wirklich einfach ist. Immerhin: Auf der viertgrößten Insel der Welt gibt es keine gefährlichen Tiere – weder giftige noch Leoparden oder andere Großkatzen. "Nur Mücken", sagt Sebastian Gehring, "und die übertragen so einiges."

Tagsüber ein Chamäleon zu entdecken sei fast unmöglich, "da hängen die irgendwo unter Blättern und sind gut getarnt". Aber nachts, wenn Schlangen sie jagen, hängen sie zur Sicherheit an den äußersten dünnen Enden der Zweige – und sind ganz hell gefärbt. Im Licht der Taschenlampe fallen sie dann schnell auf.

Am Beispiel von Tarzan kann Gehring perfekt erklären, wie dramatisch das für Tiere ist: Wer denkt, Tarzan sei quasi fast alleine auf der Insel, irrt. Ihm reicht ein 500 mal 1.000 Meter großer Wald, hier entdeckte ihn Gehring – "das dann aber gleich 60 Mal in einer Nacht". Kleinste Wald-Inseln reichen den Arten hier, wer einen Wäldchen in besonderer Lage abholzt, vernichtet schnell etliche Arten.

Kurz darauf tötete er ihn

Tarzan zum Beispiel benötigt feuchte Luft vom Indischen Ozean, lebt zwischen 600 und 1.000 Metern Höhe in fast unzugänglichem Wald. "Rundherum ist fast alles abgeholzt", sagt Gehring – "nur noch an steilen Hängen gibt es Wald, schwer zu erreichen, wir sind teilweise tagelang gewandert, um dahin zu kommen."

Wo es noch Wald gibt, wo Forscher genau hinsehen, da werden sie reich belohnt. Mehrere neue Froscharten entdeckte alleine Gehring bei mehreren Reisen, "da sind bisher 240 Arten beschrieben und es gibt mindestens ebenso viele Arten, die jetzt gefunden worden sind und noch beschrieben werden müssen".

Den 15 Zentimeter großen, markant gelb gestreiften Tarzan mit der platten Schnauze hat Gehring nach dem Wald und der nächsten Stadt benannt, aber auch, weil der Name markant ist, unterschwellig für wilde Natur steht – und damit beim Schutz der Arten helfen kann. "Nach dem Entdecker benennt man heute keine Arten mehr."

Panther im Arbeitszimmer

Am 13. April fand Gehring Tarzan – kurz darauf, klingt paradox, tötete er ihn: Soll eine neue Art anerkannt werden, muss sie mitgebracht und unter allen Gesichtspunkten analysiert werden. In seiner Form und Größe, seinen Besonderheiten, genetisch. "Schön ist das nicht."Will er ohne weite Anreise ein lebendiges Chamäleon sehen, hat er es nicht weit: In seinem Dornberger Arbeitszimmer turnt ein Panther-Chamäleon aus Madagaskar herum. Das aber hat er nicht entdeckt, es ist schon seit fast 200 Jahren beschrieben.

Biologe Sebastian Gehring mit dem ersten Tarzan-Chamäleon. - © FOTO: NW
Biologe Sebastian Gehring mit dem ersten Tarzan-Chamäleon. | © FOTO: NW
Sebastian Gehring und sein Panther-Chamäleon. - © FOTO: B. FRANKE
Sebastian Gehring und sein Panther-Chamäleon. | © FOTO: B. FRANKE

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