BIELEFELD "Wagabanda" im Weg

16 Jahre altes alternatives Bauwagen-Wohnprojekt in Not wegen der Erschließung des Campus-Geländes

VON ANSGAR MÖNTER
Der Wagabanda-Platz liegt versteckt hinter Bäumen nahe der Universität. Zehn Frauen leben dort. Sie nutzen Solartechnik zur Stromgewinnung und Regenwasser für Haushalt und Garten, wie Bewohnerin Paula hier demonstriert. - © FOTO: SARAH JONEK
Der Wagabanda-Platz liegt versteckt hinter Bäumen nahe der Universität. Zehn Frauen leben dort. Sie nutzen Solartechnik zur Stromgewinnung und Regenwasser für Haushalt und Garten, wie Bewohnerin Paula hier demonstriert. | © FOTO: SARAH JONEK

Bielefeld. 1994 zogen ein paar Frauen Bauwagen auf ein grün umwuchertes Gelände nahe des VfR-Wellensiek-Sportplatz, gut 200 Meter Luftlinie zur Uni. Das alternative Wohnprojekt "Wagabanda" war geboren. Das Stück Land war damals in Besitz der Uni. Die ließ die Frauen gewähren. Sie duldete die "feministisch-emanzipatorische" Siedlung in der rechtlichen Grauzone. Nun ist die Existenz von Wagabanda aber bedroht. Das hängt mit der Entwicklung des Hochschulcampus "Lange Lage" und einem Radweg zusammen.

Die Erschließung des Hochschul-Geländes für Uni und Fachhochschul-Neubauten hat vor Monaten begonnen. Derzeit werden Leitungen verlegt. Eine Baugenehmigung ist erteilt. Entwickler ist der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) des Landes. Das erste Gebäude soll 2011 entstehen.

Vertraglich ist der BLB, mittlerweile Grundstückseigentümer, dazu verpflichtet, die Bauwagensiedlung am Rande des Lange-Lage-Geländes zu entfernen. Das hängt unter anderem mit der Sicherung der Baustelle zusammen. Zudem soll mitten durch das Wagabanda-Areal ein Rad- und Wanderweg entstehen.

Die Frist für die Bauwagensiedlung läuft Ende September ab. Die zehn Bewohnerinnen haben bisher aber erfolglos nach einem Alternativ-Standort Ausschau gehalten - ebenso wie BLB und Stadt. Alle Parteien wollen eine einvernehmlichen Lösung.

Mittlerweile aber haben sich die Wagabandas dafür entschieden, für ihren Verbleib an der jetzigen Stelle zu kämpfen . Aus ihrer Sicht wäre das leicht möglich und gut begründbar. "Wir fordern die Umverlegung des Radweges, damit dieser Wagenplatz für Frauen, Lesben und Transgender erhalten bleibt", sagen sie. Dazu sei es lediglich nötig, den Weg um wenige Meter zu verlegen. So könnte der "hierachiefreie, alternative Wohnraum und wichtige Ort alternativer Kultur" gerettet werden. Jährlich veranstalten die Bewohnerinnen das "Schransencafé" mit Bühne und Galerie.

An der Lösung des Problems arbeiten derzeit BLB und Stadt. Niemand will die Konfrontation. Das beteuern alle Seiten. Eine Zwangsräumung soll unbedingt verhindert werden.

Birgit, Isa, Zoe und Paula (v.l.) von Wagabanda demonstrierten für ihren Bauwagen-Platz mit Perücken auf dem Kopf und schrillen Sonnenbrillen auf der Nase. - © FOTO: SARAH JONEK
Birgit, Isa, Zoe und Paula (v.l.) von Wagabanda demonstrierten für ihren Bauwagen-Platz mit Perücken auf dem Kopf und schrillen Sonnenbrillen auf der Nase. | © FOTO: SARAH JONEK

Die Suche nach einem Ersatzort für die Bauwagen-Siedlung gestaltet sich dabei bisher als schwierigste Aufgabe. Die Frauen bräuchten nach eigenen Angaben 2.500 bis 3.000 Quadratmeter ebenes Gelände, Wassernähe, möglichst Stadtnähe, "aber nicht in einem Industriegebiet", wie Birgit, eine Bewohnerin, sagt. Sie nennt - wie die anderen - lediglich ihren Vornamen, um bei einer möglichen Räumung nicht persönlich haftbar gemacht werden zu können.

Diese allgemein praktizierte Personalien-Zurückhaltung hat aus Sicht des BLB bisher die Kommunikation erschwert. Die Behörde müsse zumindest, wenn Wagabanda gerettet werden soll, einen rechtlichen Rahmen mit jemanden schaffen. Bisher gibt es den nicht. Im Grunde wurde das Terrain eigenmächtig vor 16 Jahren von den Wagabanda-Gründerinnen in Besitz genommen. Rechtlich können die Frauen deshalb keinerlei Ansprüche geltend machen; und der BLB als Eigentümer des Grundstücks hat keine Verpflichtungen den Frauen gegenüber. Er steht allerdings juristisch in der Haftung, sollte dort etwas passieren.

Die Wagabandas sind nun dabei, die formalen Bedingungen zu schaffen, damit ein Vertrag geschlossen werden könnte. "Wir gründen derzeit ein Verein", sagt Birgit. Sie setzen auf diesen Weg. An einen alternativen Standort glauben sie nicht mehr. Den Platz zwischen Universität und kommender Campus-Dauerbaustelle bezeichnen sie als ihre "einzige Hoffnung".

Nimmerland und Wagabanda

Neben Wagabanda gibt es einen zweiten Wagenplatz in Bielefeld: "Nimmerland", zwischen Heeper Straße, Bleichstraße und Auf dem Tönsplatz. Beide Bauwagen-Siedlungen sind aus der alternativen Szene heraus gewachsen. Solche Wagendörfer entstanden vor allem ab Mitte der 80er Jahre, als Menschen nach anderen Lebens- und Wohnformen suchten. Oft werden sie nur geduldet – so wie Wagabanda in den vergangenen 16 Jahren.

Beim Nimmerland ist das anders. Die dortigen Bewohner haben einen Vertrag mit der Stadt, dem Eigentümer des Grundstücks, geschlossen. Mit den Jahren haben sich zahlreiche Wagenburgen etabliert an ihren Orten und werden sogar mancherorts als kulturelle Bereicherung empfunden.

Das Projekt Wagabanda hat zum Beispiel den Anspruch, ein "selbstbestimmtes, kreatives, sozial-kulturelles und naturnahes Leben" zu ermöglichen. Zudem setzen die Bewohnerinnen auf Ökologie. Sie nutzen eigenen Solarstrom und Wasser aus der Regentonne.

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