Anette Schultz (l.) möchte herausfinden, wie sie ihrer Patientin (2. v. r.) helfen kann. Unterstützt wird sie von Jembeh Manssaray und einer weiteren Übersetzerin für die verschiedenen Stammessprachen (r.). Vor ihr auf dem Tisch mit der Tischdecke aus einem Willkommenstuch liegt das Standardwerk der Homöopathen, das klassische homöopathische Repertorium. - © FOTO: PRIVAT
Anette Schultz (l.) möchte herausfinden, wie sie ihrer Patientin (2. v. r.) helfen kann. Unterstützt wird sie von Jembeh Manssaray und einer weiteren Übersetzerin für die verschiedenen Stammessprachen (r.). Vor ihr auf dem Tisch mit der Tischdecke aus einem Willkommenstuch liegt das Standardwerk der Homöopathen, das klassische homöopathische Repertorium. | © FOTO: PRIVAT

Bielefeld Globuli für Sierra Leone

Heilpraktikerin Anette Schultz bei einem Einsatz für "Homöopathen ohne Grenzen"

Bielefeld. Anette Schultz behandelt ihre Patienten in homöopathischen Dosen. Die Bielefelder Heilpraktikerin verordnet Globuli, diese stecknadelkopf-großen Kügelchen, mit denen homöopathische Arzneimittel verabreicht werden. Ihre Patienten: Menschen aus Sierra Leone. Zwei Wochen lang war sie dort für die Vereinigung "Homöopathen ohne Grenzen" im Einsatz.

Zusammen mit ihren Kolleginnen Renate Blum und Barbara Böttcher teilt sie sich eine grob gemauerte Hütte. Tisch an Tisch sitzen die Heilpraktikerinnen dort und empfangen einen Patienten nach dem anderen. Einen Übersetzer haben sie an ihrer Seite – manchmal auch zwei, wegen der jeweiligen Stammessprachen. Vor der Tür stehen die Frauen, Männer und Kinder im Staub, hocken sich zum Schutz vor der Sonne unter Büsche und Bäume. Es sind 37 Grad im Schatten. Einer versucht, eine Liste zu führen, damit es nicht zum Gedränge kommt vor der Tür, hinter der diese nicht alltägliche medizinische Hilfe wartet. Jeder Stammesobere, so erzählt Anette Schultz, versucht, die Seinen nach vorne zu bringen.
Vor der Tür werden es immer mehr, hinter der Tür wird es immer heißer, lauter, enger. "Erst kamen die Menschen nur aus dem Dorf, dann aus der Umgebung – viele sind meilenweit gelaufen, weil sie von uns hörten", erzählt die 51-Jährige, die seit drei Jahren Mitglied bei dem Verein "Homöopathen ohne Grenzen" ist. Bis zu 200 werden es schließlich täglich.

Die Menschen brauchen Hilfe, weil sie an den Folgen von Tropenkrankheiten oder Kriegsverletzungen leiden. Parasiten, Pilzerkrankungen, Beschwerden nach Beschneidungen bei Frauen, Leistenbrüche – die Liste der Krankheiten und Beschwerden ist lang.
Weil die medizinische Versorgung abseits der Großstädte in diesem bis 2003 vom Bürgerkrieg gebeutelten, armen westafrikanischen Land selten bis gar nicht vorhanden ist, steigt die Zahl der Patienten für die drei Deutschen täglich an. Nicht alles können die Frauen richten, Operationen können sie nicht ersetzen. Sie seien eine Ergänzung zur klassischen Medizin, sagt Anette Schultz. Eine Ergänzung, die mitunter das einzige therapeutische Angebot ist, das die Menschen nutzen können.

Diese Ergänzung soll jetzt weiter reichende Folgen haben: "Wir wollen den Leuten Schulungen anbieten, damit sie sich auch selbst helfen können." Im November soll die erste Ausbildung starten. Ihr Eindruck: "Viele wollen es unbedingt lernen." Die Homöopathie sei ein großartiges Werkzeug, die Mittel einfach herzustellen und Hilfe schnell zu erzielen. Ein Pluspunkt in einem Land, in dem es keine flächendeckende medizinische Versorgung gibt.

Viele Menschen in Sierra Leone wenden sich deshalb noch an die Heiler vom Land. Deren Behandlungsmethoden erschüttern die Frauen aus Deutschland: "Sie arbeiten mit heißem Wasser oder Feuer", sagt Anette Schultz und zeigt auf das Foto einer Frau, deren Oberschenkel mit einem Tuch bedeckt sind. Damit verdeckt diese Frau massive Verbrennungen – Schmerz und Wunden lassen sich indes nicht wegbrennen. Ein Heiler habe den Kopf eines Jungen in einen Topf mit kochendem Wasser getaucht, um ihn von seiner Epilepsie zu heilen. Die geplanten Schulungen richten sich auch an diese Heiler – damit sie Methoden kennen lernen, mit denen sie eher Hilfe leisten können.

"Ich wollte als Jugendliche schon in der Entwicklungshilfe arbeiten", sagt die zweifache Mutter. Ihr Lebensweg habe sie dann aber erst einmal in eine andere Richtung geführt. Seit 15 Jahren arbeitet sie als klassische Homöopathin ist zudem Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin. "Die Idee von Homöopathen ohne Grenzen fand ich gut, das ist eine schnelle, direkte und zuverlässige Hilfe." Ähnlich wie der Verein Ärzte ohne Grenzen arbeiten die Homöopathen unentgeltlich in Krisengebieten und armen Ländern.

Die HOG hat Projekte auch in Kenia oder Togo. Anette Schultz leitet das für Sierra Leone.

Zustande kam dieser Einsatz, weil ein anderer Verein die Homöopathen um Hilfe bat. Der Verein Sierra Leone aus Stuttgart unterstützt Farm-Projekte in dem westafrikanischen Land, bei dem bis zu 100 Menschen gemeinsam eine Farm bewirtschaften und von den Erträgen und Erlösen leben können. Jetzt kann ein zweites Standbein hinzu kommen: mit homöopathischen Praxen.
    

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