Rathaus in Regenbogenfarben

Flagge heimlich gehisst / Bunte Parade mit anschließendem Fest am Siggi

VON TANJA BABIC

Bielefeld. Der Christopher-Street-Day (CSD) beginnt in diesem Jahr mit einer Geheimaktion: Um 13 Uhr am Samstag, eine Stunde vor dem Start der traditionellen Parade, hissen Peter Struck von der Aidshilfe und Klaus Rees von den Grünen die Regenbogenflagge am Balkon des Alten Rathauses – gegen den Willen des Oberbürgermeisters.

"In anderen Städten ist die Flagge selbstverständlich", sagt CSD-Organisator Struck. Eberhard David habe vergangene Woche die CSD-Farben am Rathaus abgelehnt – mit der Begründung, es werde nur zu Staatsanlässen geflaggt. Daraufhin haben die Grünen den Raum am Rathausbalkon für fünf Stunden gemietet – offiziell für ein Seminar zum Thema Wahlkampfstrategien. Für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben seien zwar schon viele Verbesserungen erzielt worden, aber nach wie vor gebe es jede Menge Diskriminierung, sagt Britta Haßelmann. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete ist dabei, als das Rathaus unter Jubel in Regenbogenfarben gehüllt wird.

Dann geht sie los, die bunte Polit-Parade durch die Innenstadt. Vor der Altstädter Nicolaikirche sammeln sich 1.000 Umzugsteilnehmer – teilweise in schrillen Kostümen – um für mehr Solidarität für Homosexuelle zu demonstrieren. Bei strahlendem Sonnenschein ist die Stimmung bestens. Auf den geschmückten Wagen tanzen und jubeln die Leute.

"Es ist alles super hier – total fröhlich und ausgelassen", sagt Olaf Wegemann. Er trägt einen Hut mit Zebramuster und Regenbogenfahne. Für den 45-Jährigen aus Steinheim ist es der erste Christopher-Street-Day. Leif-Arne aus Köln ist zum dritten Mal in Bielefeld dabei. "Der CSD hier ist familiärer als der in Köln – einfach wunderschön", schwärmt er im rosafarbenen Kostüm.

Das Motto lautet "69 – mehr als eine Stellung". Der Slogan soll an den 26. Juni 1969 erinnern. An dem Tag vor 40 Jahren beginnt der Kampf von Homosexuellen gegen Diskriminierung, für Gleichberechtigung. Damals wehrten sich Schwule, Lesben und Transsexuelle erstmals gegen die Schikanen der Polizei. Der Widerstand bei der Razzia in der Bar "Stonewall Inn" in der New Yorker Christopherstreet löste ein neues Selbstbewusstsein aus.

Als der Umzug auf dem Siegfriedplatz ankommt, gibt Peter Struck auf der Bühne einen Rückblick auf 40 Jahre Kampf für Emanzipation. Er erinnert an die Abschaffung der Strafbarkeit unter Homosexuellen. Außerdem wäre es vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen, dass es einen schwulen Oberbürgermeisterkandidaten gebe. Er meint Pit Clausen (SPD), der später bei der Politiker-Talkshow auf der Bühne mit OB-Kandidat Bernd Landgraf (CDU), Britta Haßelmann (MdB, Grüne), Michael Koch (MdB, FDP), Ralf Schulze (BfB), Dirk Buddenbrock (Die Linke) und Martin Schmelz (Bürgernähe) über die Gleichstellung von Homosexuellen, das Klima in der Stadt und die Regenbogenflagge am Rathaus diskutiert.

Moderatorin "Mareike", in holländischer Tracht mit blonden Zöpfen und Holzschuhen, spricht Landgraf auf seine Rede am Aschermittwoch an, wo er sagte, dass Clausen sich nicht mit Familien auskenne. Landgraf erwidert, er habe eine Diskriminierung nicht beabsichtigt und sich entschuldigt. Darauf Clausen: "Unter einer Entschuldigung stelle ich mir persönliche Worte vor – und nicht etwas in der Zeitung zu lesen."

Nach der Diskussionsrunde geht die Party auf dem Siggi weiter. Etwas verspätet sorgt um 18 Uhr die Deutsch-Pop-Rockband "Klee" aus Köln für ausgelassene Feierlaune. Ab 23 Uhr endet der CSD 2009 mit Partys im Forum und Ostbahnhof.

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