Ein gelöst wirkender Gerhard Sagerer kurz nach erfolgter Wahl zum Rektor an einem Platz, den Studenten gerne zum Arbeiten und Lesen nutzen. - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Ein gelöst wirkender Gerhard Sagerer kurz nach erfolgter Wahl zum Rektor an einem Platz, den Studenten gerne zum Arbeiten und Lesen nutzen. | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Der Neue

PORTRÄT: Gerhard Sagerer, designierter Rektor an der Universität Bielefeld

VON ELMAR KRAMER

Als Wanderer zwischen universitärer Selbstverwaltung und Forschung kennt Gerhard Sagerer die Fallstricke, die eine neue Wettbewerbszeit für Hochschulen bereit hält. Turbulente Monate in Bielefeld mit massiven, teils gewalttätigen Protesten aus Teilen der Studentenschaft halten die Stadt in Atem. Absoluter Tiefpunkt ist 2006 ein Brandanschlag auf den Wagen von Rektor Dieter Timmermann.

Die Uni lebt von ihren Erfolgen in der Exzellenz, sie profiliert sich auch dank großer Namen der Vergangenheit, aber vor allem auf Zukunftsfeldern. Luhmann, Wehler, Pühler und Hurrelmann bleiben Marken aus Bielefeld. Mit Geschichte, Soziologie, Erziehungs-, Wirtschafts-, Naturwissenschaften und Jura sorgt die Uni für Spitzenresultate in Hochschul- und Forschungsrankings.

Sagerer selbst gehört zu den neuen Aushängeschildern, hat mit seiner Arbeit zu Bild- und Sprachverständnis und Techniken der künstlichen Intelligenz zusammen mit anderen Schwerpunkte gesetzt, die Bielefeld international sichtbar machen. Sagerer, einer der Väter des Erfolgs im Exzellenzwettbewerb und in der Asimo-Kooperation mit Honda, spricht von "Ecken und Biegungen", die sein Forscherleben bestimmen. Der gebürtige Ludwigshafener, verheiratet, ein erwachsender Sohn, muss sich wohlfühlen in Bielefeld, in der Region und der Hochschule, die ihm und anderen ermöglicht, interdisziplinär zu arbeiten. Ganz bewusst entscheidet er sich für die Uni Bielefeld, als er zuletzt einen Ruf an eine Technische Universität ablehnt.

Als der Informatiker sich im Juni vor Hochschulrat und Senat als einer von zwei Kandidaten für das Rektorenamt vorstellt, drücken ihm viele die Daumen. Auch der Kontrahent von der TU Berlin soll sich gut verkauft haben, manche im Saal erleben Sagerer nervöser als gewohnt – vielleicht, weil ihm die Bewerbung eine Herzensangelegenheit ist. Aber er weiß zu überzeugen.

Wenn der 53-jährige Sagerer Anfang Oktober das Ruder übernimmt, wird nicht nur ein Hochschulmanager große Verantwortung übernehmen, den sein Amtsvorgänger Timmermann als Freund bezeichnet und der die Philosophie der Universität kennt.
Sagerer gilt überdies als besonnener Mann, der auf die Menschen zugeht. Er sucht das Gespräch, ist offen, hat Humor, verfügt über Empathie und wirbt leidenschaftlich für seine Projekte. Ausgleich findet der frühere Handballer manchmal beim Fußball, beim Tennisspiel oder Radfahren. Oder mit seinem Hobby Geschichte.

Viele trauen Sagerer zu, den eingeschlagenen Kurs zusammen mit Kanzler Hans-Jürgen Simm fortzuführen, Vorantreiber neuer Projekte zu sein und Vermittler in Konflikten. Einiges wird sich tun, dafür sorgen allein der Riesenumbau der Uni, der neue Campus und die nächste Runde der Exzellenzinitiative.

Die Uni wird weiter sichtbar bleiben müssen. "Manchmal", sagt Sagerer kurz nach seiner Wahl "habe ich den Eindruck, hier redet man die Stadt und Region bewusst schlecht." Einen ersten, ganz kleinen Schritt in die andere Richtung hat die Hochschule getan und wirbt in ihrer Imagebroschüre für Studenten mit Pluspunkten der Stadt, mit viel Grün und viel Kultur – und mit Bielefeld als "Stadt mit Erstliga-Fußball". Der neue Rektor wird es verschmerzen können.

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