Wehmütig: Sabine Sablatnig blickt auf das Foto ihrer Tochter Anjelina. Am 24. Juli 2010 war die 19-Jährige mit ihrem Freund zur Loveparade gereist und nie wieder zurückgekehrt. Sie gilt als neuntes der 21 Todesopfer von Duisburg. - © Sarah Jonek
Wehmütig: Sabine Sablatnig blickt auf das Foto ihrer Tochter Anjelina. Am 24. Juli 2010 war die 19-Jährige mit ihrem Freund zur Loveparade gereist und nie wieder zurückgekehrt. Sie gilt als neuntes der 21 Todesopfer von Duisburg. | © Sarah Jonek

Bielefeld Mutter eines Bielefelder Loveparade-Opfers bangt um Gerechtigkeit

Prozessauftakt: Heute startet das Mammutverfahren nach der tödlichen Massenpanik vor sieben Jahren in Duisburg. Die Mutter des Bielefelder Todesopfers Anjelina Sablatnig tritt dort als Nebenklägerin auf

Jens Reichenbach

Bielefeld. Sabine Sablatnig hat am 24. Juli 2010 ihre geliebte Tochter Anjelina verloren. Die damals 19-Jährige ist das neunte der 21 Todesopfer der Loveparade-Katastrophe in Duisburg. Heute - mehr als sieben Jahre später - beginnt der lang erwartete Prozess gegen die mutmaßlich Verantwortlichen. Sabine Sablatnig tritt bei dem Verfahren als Nebenklägerin auf. "Die Schuldigen sollen ihre gerechte Strafe kriegen", fordert die Bielefelderin. "Mehr will ich gar nicht." Doch das endlose Ringen um die Zulassung des Strafverfahrens (siehe Inokasten) hat die Hoffnungen vieler Angehöriger längst zerstört. "Für uns sind Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Veranstalter Rainer Schaller die Hauptschuldigen." Die Anklage spricht zwar von schwerwiegenden Fehlern bei Planung und Genehmigung. Doch die obersten Entscheider der Loveparade sitzen gar nicht auf der Anklagebank. "Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen" Wegen fahrlässiger Tötung müssen sich vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma und sechs Bedienstete des Bauamts vor dem Duisburger Landgericht verantworten. Die Bielefelderin spricht von einer kurzfristigen Pro-forma-Genehmigung am Tag der Katastrophe für nur 64.000 Besucher. Gekommen war am 24. Juli 2010 aber eine zigfache Menge an Technofans. Anjelinas Opa Alfred, der aus gesundheitlichen Gründen in das Zimmer seiner Enkelin eingezogen ist, erwartet längst nichts mehr von dem Prozess, dessen Programm allein 111 Verhandlungstage 2018 vorsieht: "Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen", sagt er in einem WDR-Interview. Ein Bielefelder Anwalt vertritt die Familie vor Gericht Auch Nebenklägerin Sablatnig wird dem Gerichtssaal zunächst fernbleiben. Ein Bielefelder Anwalt, der öffentlich nicht in Erscheinung treten möchte, wird sie vertreten. "Ich muss erst hin, wenn ich die Folgen meines Traumas darstellen soll - Psychotherapie, Klinikaufenthalte und so weiter", erklärt sie offen. Es ist nötig, um später zivilrechtlich Schadenersatz geltend machen zu können. Seit März 2015 ist die Bielefelderin Frührentnerin, Trauma-Flashbacks hatten es unmöglich gemacht, weiter als Busfahrerin zu arbeiten. Mehrfach musste sie therapeutisch behandelt werden. Neue bedenkliche Befunde beschäftigten sie aktuell mehr als der eigentlich so sehr ersehnte Strafprozess. Trotzdem wolle sie die Berichte über das Verfahren verfolgen. "Und später will ich den Verantwortlichen in die Augen sehen", sagt sie wütend. Regelmäßig fährt die Familie zur Gedenkstätte nach Duisburg Anjelina ist immer noch sehr präsent im Leben von Mutter, Patenonkel und Großvater, die zusammen in einer Bielefelder Wohnung leben: Der pflegebedürftige Vater liegt gerne im Zimmer der Enkelin voller Mädchensachen: "Er sagt immer: 'Ich liege hier zu zweit mit ihr.'", berichtet die Mutter und lächelt. "Ich lebte damals in Österreich, als Anjelina zur Loveparade fuhr." Der Opa hat viel auf seine Anjelina aufgepasst. Auch der Patenonkel ist wie ein Vater für die 19-Jährige gewesen. Nach ihrem Tod kam die Bielefelder Mutter zurück: "Ich bekam Sehnsucht nach dem Grab auf dem Sieker-Friedhof und nach der Gedenkstätte in Duisburg." Regelmäßig fahren die Mutter und Patenonkel Andreas Spallek noch dorthin: "Wir sind dort häufiger als am Friedhof. Dort, in der Unterführung, stehen die 21 Kreuze der Todesopfer. "Dort ist sie gestorben. Ich weiß, wie sie gestorben ist." Von anderen Opferfamilien hatte sie ein Video zugespielt bekommen. Es zeigt, wie ihre Tochter herausgehoben und wiederbelebt wird. Bilder, die Sabine Sablatnig nicht wieder loswird. 2020 verjährt der Fall, dann gäbe es auch keinen Schadenersatz mehr Zusammen mit Anjelinas Patenonkel hat sie bereits 40.000 Euro für den Kampf um Gerechtigkeit investiert. Umso größer ist ihre Sorge, dass die Seite der Angeklagten den Prozess endlos hinauszögern könnte. Sollte das Verfahren über den Juli 2020 hinaus andauern, wäre der Fall absolut verjährt. Dann gäbe es keine Urteile und damit auch keine zivilrechtlichen Ansprüche.

realisiert durch evolver group