Bielefeld/Hannover Brachte ein Bielefelder Autohändler den LKA-Ermittlern die neuen Fotos der RAF-Terroristen?

RAF-Terroristen kauften zwischen 2013 und 2016 vier von neun Fluchtfahrzeugen in Bielefeld. Immer nach dem Schema: Probefahrt auf dem Beifahrersitz, Barbezahlung und Abholung im Dunkeln

Jens Reichenbach

Bielefeld/Hannover. Sie sollen für eine Serie von neun brutalen Überfällen auf Supermärkte und Geldtransporter verantwortlich sein. Die ehemaligen RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette, die mit der Beute im sieben- bis sechsstelligen Bereich ihr Leben im Untergrund finanzieren, schlugen zwar nur in Norddeutschland zu. Seit Montag ist aber bekannt: Vier ihrer neun Fluchtfahrzeuge kauften sie in Bielefeld. Zuletzt soll das Trio am 25. Juni 2016 mit einer Panzerfaust und einem Automatikgewehr einen Geldtransporter und ein Geschäft in Cremlingen bei Braunschweig überfallen haben. Ihre Beute soll mehrere hunderttausend Euro betragen haben. Zum Tatort kamen sie mit einem dunkelblauen VW Polo aus Bielefeld. Die Ermittler des Landeskriminalamtes Niedersachsen sind sich sicher, dass die Täter jedes Detail ihrer Taten akribisch planten. In vier Fällen sollen sie deshalb vorher in Bielefeld aufgetaucht sein, um Gebrauchtwagen für maximal 3.000 Euro zu kaufen. Die Täter flüchteten mit Bielefelder Autos vom Tatort So erwarben sie nach Ansicht der Ermittler am 29. November 2013 in Bielefeld einen dunkelblauen VW Golf III. Der Golf steht als Fluchtfahrzeug im Zusammenhang mit einem Überfall am 23. August 2014 auf einen Marktkauf in Elmshorn bei Hamburg. Die Beute damals: 46.000 Euro. Am 19. November 2014 kauften sie in Bielefeld einen blauen VW Passat Kombi. Diesen benutzten die Täter am 2. Januar 2015 bei einem Überfall auf einen Kaufland-Supermarkt in Osnabrück (Beute: 60.000 Euro). Ein gutes Jahr später kauften sie am 10. Dezember 2015 einen Ford Mondeo aus Bielefeld sowie am 8. März 2016 einen Opel Corsa aus Porta Westfalica. Beide Autos stehen laut LKA-Sprecher Hans Retter im Zusammenhang mit dem jüngsten Überfall in Cremlingen im Juni 2016. Peinliche Ermittlungspanne beim jüngsten Überfall Peinliche Ermittlungspanne damals: Ein Zeuge hatte einen der Terroristen beim Ausspähen der Örtlichkeit erkannt. Die Polizei lag daraufhin in Cremlingen auf der Lauer. Doch die schwer bewaffneten Täter tauchten erst auf, als die Polizei wieder abgezogen war. Die Beamten hatten die Observation zu früh abgebrochen. Kurz zuvor - am 7. Mai 2016 - war einer ihrer Überfälle misslungen. Staub und Garweg sollen damals das Kassenbüro eines Rewe-Supermarkts in Hildesheim überfallen haben. Trotz Androhung von Waffengewalt ließ sich der Tresor des Marktes vom Personal nicht öffnen. Die Ex-Terroristen flohen ohne Beute - mit einem dunkelblauen Polo, den sie am 22. April 2016 ebenfalls in Bielefeld gekauft hatten. In allen Fällen ließen sie entweder ihr Fahrzeug am Tatort zurück oder zündeten es nach kurzer Flucht in einem nahe gelegenen Wald an und stiegen in ein zweites Fahrzeug um. Über die Fahrgestellnummern kamen die Ermittler schließlich auf die Bielefelder Spur. Die Täter kauften immer in bar und holten die Autos in der Dunkelheit ab Wo die Täter ihre Fahrzeuge kauften, wollte LKA-Sprecher Retter nicht sagen. Welchen Bezug die ehemaligen RAF-Terroristen zu Bielefeld haben, ist den Ermittlern völlig unklar. Sind hier nur die Gebrauchtwagen besonders günstig oder bestehen besondere Kontakte in die Region? Zum Kauf erschienen die Täter jedenfalls stets alleine und reisten mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Bei der Probefahrt setzte sich der Käufer auf den Beifahrersitz und bezahlte anschließend in bar. Die Verkäufer mussten das Fahrzeug auf dem Grundstück des Händlers oder auf einem Parkplatz bereitstellen. Abgeholt wurde es dann nach Geschäftsschluss. Etwa 4.000 Autohändler in der Region hatte die Kripo über dieses spezielle Vorgehen informiert. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet, war es erst durch diese Ermittlungen 2016 gelungen, neue Fotos von Garweg und Staub zu erhalten. Ein ostwestfälischer Autohändler konnte den Ermittlern Filmaufnahmen der Verdächtigen liefern. Andere Autohändler erkannten die Männer anhand dieser Fotos wieder und erhärteten damit den Verdacht gegen die Terroristen und Räuber. Die ersten 30 Hinweise sind bereits am Montag bei der Polizei eingegangen - unter anderem auch aus dem Ausland, heißt es vom LKA. Weitere sachdienliche Zeugenhinweise nimmt das Landeskriminalamt Niedersachsen entgegen unter Tel. (0511) 26 26 274 00.

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