Bielefeld "Schneeweißchen und Rosenrot": So war die Premiere des Weihnachtsmärchens

Die Liebe siegt- Ein Muss für Kinder ab fünf Jahre- und Erwachsene

Johannes Vetter

Bielefeld. Beherrscht sonst das seriöse Grundrauschen diskreten Tratschs die Farbe des Saalklangs vor Beginn der Vorstellung, so geben jetzt helle Kinderstimmen den Ton an und überdecken den diskret mahnenden Sound der Erwachsenenwelt. Das Weihnachtsmärchen „Schneeweißchen und Rosenrot" hat Premiere vor ausverkauftem Haus im Bielefelder Stadttheater. Der Vorhang öffnet sich, und mitten in einer scherenschnittähnlichen Winterlandschaft – dominierend die Farben rot und weiß – sitzt Grobwurz, ein Riesenzwerg mit schwarzem Riesenbart, kostümiert wie Freddy Mercury. Grobwurz ist erkennbar mies gelaunt und klagt dem jungen Publikum mit einem Lied sein Leid. Alles existiere paarweise, nur er sei allein, das sei nicht fein. »Den Bart kann 
man doch 
wieder ankleben« Alle spüren: Der arme Einsame ist halb verrückt vor Missgunst und Neid. Wenn er nicht glücklich ist, sollen es die anderen auch nicht sein. Er ist besessen davon, Zweisamkeit durch Zwietracht zu ersetzen. Und schon kommen die ersten Opfer vorbei, Heinrich und Konrad, ein heiteres Brüderpaar. Grobwurz zaubert ihnen missgünstige Sprüche auf die Zunge, und schon ist die Herrlichkeit der Zweisamkeit vorbei. Zu allem Übel verwandelt er Heinrich in einen Bären und Konrad in einen Jäger. Einer von ihnen wird schon auf der Strecke bleiben. Wen wundert’s, dass angesichts des märchenhaft rot-weißen Bühnenbildes (Sebastian Ellrich, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet) nun Schneeweißchen und Rosenrot auf der Bildfläche erscheinen. Manuel Schöbel nämlich hat das Stück in Anlehnung an Grimms Märchen geschrieben, den Zwerg zum heimlichen, wenn auch gescheiterten Regisseur der Handlung befördert und flugs dem Bären, der bei den Grimms ein verwunschener Königssohn ist, einen Bruder beigesellt. Während es im „Urtext" um irdische Reichtümer geht, die der Zwerg sich widerrechtlich angeeignet hat, geht es Schöbel um ganz andere Schätze – um gelingende Kommunikation, um gegenseitiges Verständnis, um Liebe – und wie gefährdet das alles ist. Schneeweißchen verliebt sich in den Bären, Rosenrot hat ein Auge auf den Jäger geworfen, und in alle Gruben, die der Zwerg den Glücklichen gräbt, fällt er schließlich selbst hinein. Dabei klemmt er sich den Bart, und wird ausgerechnet vom rot-weißen Geschwisterpaar per Scherenschnitt gerettet. Der Krakeelende muss sich von einem kecken Knaben aus dem Parkett belehren lassen: „Den kann man doch wieder ankleben!" Überhaupt sind die Kommentare des jungen Publikums, das die Intrigen des Zwergs natürlich durchschaut, ein erhellender Bestandteil der Inszenierung. Die Bartkürzung, also der Akt der Nächstenliebe, reduziert die Zauberkraft, und der arme Zwerg erleidet eine krachende Niederlage. Doch halt. Da gibt es ja noch eine Einsame im Stück, die alleinerziehende Mutter von Schneeweißchen und Rosenrot. Sie angelt sich zu guter Letzt den Garstigen, der eigentlich ein gut aussehendes Mannsbild ist. Nora Bussenius hat eine einnehmend schlichte Inszenierung erarbeitet; keine Reizüberflutung, kein Wirbelsturm von Effekten; sie legt ein gemächliches Tempo vor, das Mitdenken und Innehalten ermöglicht. Henning Brand hat Lieder und Instrumentalmusik (eingespielt von den hauseigenen Philharmonikern) komponiert, die ganz im Sinne der Regie für emotionale Verdichtung und Reflexion des Geschehens sorgt. Die Kostüme sind mehrdimensional, auf den ersten Blick klassisch märchenhaft, aber dann versetzt mit zeitgenössischen Accessoires. Die Dialoge scheinen aus Grimms Sprachwelt zu kommen, sind aber angereichert mit zeitgemäßen Inhalten. Eine konzentriert schauende 
Kinderschar Andreas Rother gibt einen vielschichtigen Grobwurz, dem man nicht nur gram sein kann. Mieke Biendara und Judith Patzelt spielen zwei selbstbewusste Heranwachsende, die das Neinsagen beherrschen, und mit einnehmender Koketterie die Kabalen des Zwerges vereiteln, oft unbeabsichtigt mit erfrischender Naivität. Tilman Rose (Bär) und Vincent zur Linden (Jäger) sind viel zu tollpatschig und liebenswert, als dass sie sich gegenseitig umbringen könnten. Die Mutter des Schwesternpaars (Brit Dehler) bleibt eine echte Märchenfigur, eine gute Fee, gebannt zwischen Sorge und Fürsorge, der es vorbehalten bleibt, das Happy-End durch die Eroberung des Zwerges zu krönen. Sämtliche Protagonisten sind vom Komponisten Henning Brand sängerisch hervorragend einstudiert. Das junge Publikum ist begeistert. Die Inszenierung wird nicht nur mit langanhaltendem Beifall belohnt, sondern vor allem durch eine konzentriert lauschende und schauende und mitgehende Kinderschar.

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