Alle zusammen: In einer alten Villa wagen sie das Experiment, in einer Kommune zu leben. Das Ensemble hatte sichtlich Spaß am intensiven Zusammenspiel. - © Joseph Ruben
Alle zusammen: In einer alten Villa wagen sie das Experiment, in einer Kommune zu leben. Das Ensemble hatte sichtlich Spaß am intensiven Zusammenspiel. | © Joseph Ruben

Bielefeld "Die Kommune": Heimatglück und die wilden Siebziger

Premiere: Das Stück "Die Kommune" zeigt in der Inszenierung von Michael Heicks, weshalb Heimatglück nur um den Preis steten Austarierens zu haben ist

Andreas Klatt

Bielefeld. In den 68ern waren sie das Symbol eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs: Abseits von tabubeladenen Konventionen schienen Kommunen ein probates Mittel, alternative Formen des Zusammenlebens zu erproben - und dem Abdriften in Vereinzelung und Egoismen die Vision entgegenzusetzen, dass Gemeinschaftssinn letztlich imstande ist, zwischenmenschliche Gräben zu überbrücken. Das am Freitagabend in einer Inszenierung von Intendant Michael Heicks im "Theater am Alten Markt" uraufgeführte Stück "Die Kommune" des Dänen Thomas Vinterberg zeigt indes, dass der Sehnsuchtsort als dauerhaftes Paradies nur taugt, wenn der Verlust von Kontrolle als notwendiges Übel der Existenz erkannt und lebbar gemacht wird. Zunächst gebärdet der Kontrollverlust sich fratzenhaft: Der von Guido Wachter als zwischen Egomanie und Fürsorge schwankend gespielte Erek erbt ein Haus und entschließt sich nach anfänglichem Widerstreben, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Eva und der gemeinsamen Tochter Freja das Experiment "Kommune" zu wagen. Viele Denkanstöße im schrillen Gewand der 70er Jahre Mitstreiter sind schnell gefunden, und es entsteht unter der Prämisse, dass alle sich frei ausleben dürfen, eine zunächst harmonisch wirkende Gemeinschaft, in der Verschrobenheiten der Mitbewohner mit koketter Nonchalance beiseite gewischt werden. Doch Vinterberg lebte als Kind und Jugendlicher selbst lange genug in einer Kommune, um die Mechanismen zu kennen, die diese zeitweilige Homöostase früher oder später über den Haufen werfen. Erek verliebt sich in die deutlich jüngere Emma und bürdet der Gemeinschaft mit einer verstörenden Naivität seine Selbstverwirklichung nach dem Lustprinzip auf, als er vorschlägt, dass Emma mit einzieht. Dem Ensemble war bei der Premiere deutlich anzumerken, wie die opulente Bandbreite der Figuren im Stück die Freude am intensiven Zusammenspiel entfesselt. Changierend zwischen geradezu boulevardesken Szenen, in denen das komödiantische Potenzial der Ausgangssituation ausgelotet wird, und leiseren Nuancen, in denen sich zunehmend die Tragik der von Carmen Priego gespielten Anna entfalten kann, steuerte der Abend mit vielen berührenden Momenten auf den Siedepunkt zu: die Entscheidung, wer bei diesem Experiment den Kürzeren zieht und für wen die Illusion einer wohlmeinenden Heimat zerbricht. Dass sie mitunter zerbricht, daran lässt Vinterberg in dem Stück keinen Zweifel, ist der Dynamik des Lebens geschuldet, das nach Momenten der ausgelassenen Euphorie stets auch zum Verabschieden und Neubeginnen aufruft. Anders als in der Wiener Inszenierung Vinterbergs von 2011 entschloss Heicks sich nach Rücksprache mit dem Autor, das 2016 in der Filmadaption eingeführte Kind auch in seine Bühnenfassung zu integrieren. Für die Vermittlung des Nebeneinanders von junger Schutzbedürftigkeit und überbrodelnder Katharsis erweist sich diese Erweiterung als äußerst eindrücklich: Das Kommunenleben bringt das Fehlen von Ausweichräumen mit sich, so dass die Reibung der Lebensentwürfe sonst im Verborgenen Bleibendes unvermittelt nach oben spült - was die Kinder reichlich früh mit der Abgründigkeit des Erwachsenseins konfrontiert. Zum Luftholen gönnt die Inszenierung dem Publikum zwischendurch musikalische Intermezzi, vor allem der von Jakob Walser als französischer Lebemann-Hippie interpretierte Virgil ergänzt das Kaleidoskop menschlicher Suche nach dem Glück mit seinem Ringen um den ersten eigenen Song ums Schelmische. Insgesamt ein üppiger Theaterabend im schrillen Gewand der 70er Jahre - mit vielen Denkanstößen, wie die sich stetig wandelnde Moral auf unsere Vorstellungen von gelungenem Zusammenleben einwirkt. Weitere Aufführungen in diesem Jahr: 26.11, 6., 7., 13., 14. und 16.12. Weitere Termine im neuen Jahr. Karten gibt es bei der Neuen Westfälischen unter Telefon 55 54 44. Weitere Informationen im Netz: www.theater-bielefeld.de

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