Ort des Geschehens: Vor der Turnerstraße 5, wo einst die Synagoge stand, erinnerten sich gut 200 Teilnehmer, unter anderem Pfarrer Andreas Smidt-Schellong (r.), an den Judenpogrom. - © Sarah Jonek
Ort des Geschehens: Vor der Turnerstraße 5, wo einst die Synagoge stand, erinnerten sich gut 200 Teilnehmer, unter anderem Pfarrer Andreas Smidt-Schellong (r.), an den Judenpogrom. | © Sarah Jonek

Bielefeld Pogrom: Vor 79 Jahren zündeten die Nazis die Synagoge an der Turnerstraße an

Oberbürgermeister Pit Clausen erinnert und mahnt

Ansgar Mönter

Bielefeld. Ein Gedenkstein an der Turnerstraße 5 erinnert an ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. An der Stelle stand bis zum 9. November 1938 die Synagoge, das Gotteshaus der Bielefelder Juden. Die Nationalsozialisten zündeten das Gebäude an dem Tag an - wie fast überall im Land auch. Als Judenpogrom ging dieser Tag in die Geschichte ein. Gestern Abend wurde daran erinnert mit einer Gedenkveranstaltung an jenem Stein und später im Rathaus. Martin Decker von der Friedensgruppe der Altstädter Nicolaikirchengemeinde las zunächst vor den rund 200 Teilnehmern Aussagen von Zeitzeugen vor, vor allem von Schülerinnen der ehemaligen Auguste-Viktoria-Schule, die in Sichtweite der Synagoge lag. Dann wurden Gebete gesprochen und gesungen, vorgetragen von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong und Paul Yuval Adam von der Jüdischen Gemeinde Bielefeld. Fortgeführt wurde das Gedenken im Neuen Rathaus. Im Großen Saal empfingen die Bläserkreise des Gymnasiums am Waldhof und des Ratsgymnasiums die Gäste. Schüler beider Schulen gestalteten den Abend musikalisch, unter andere sang der Chor des Waldhofgymnasiums. »Es ist einfach geworden, Unfrieden zu schüren« In seiner sehr bewegenden und deutlichen Ansprache mahnte Oberbürgermeister Pit Clausen: "Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Nazi-Ideologie sind nicht mit dem Ende des zweiten Weltkriegs verschwunden. Insbesondere in den letzten Jahren haben wir das vermehrt gespürt, gehört, gesehen." Man müsse aufpassen, dass das Gedankengut des rechten Randes nicht wieder gesellschaftsfähig werde. In diesem Zusammenhang äußerte sich der Oberbürgermeister besorgt über die Wahlerfolge der AfD auch in Bielefeld und Umgebung. Clausen sieht nach eigenen Angaben eine Vielzahl von Gründen für die mehr als 16.500 AfD-Wähler, er griff jedoch zwei heraus. Zum einen Unkenntnis über fremde Kulturen und Angst vor Veränderung oder einfach Frust, zum anderen eine "allgemeine Verrohung der Gesellschaft", befördert durch die so genannten sozialen Medien. "Es ist einfach geworden, Unfrieden zu schüren", sagt er. Clausen begründete seine Anknüpfung an aktuelle Entwicklungen: "Genau das sind wir den Opfern der Shoah und deren Nachkommen schuldig."

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