Wurde zur Prostitution gezwungen: Die Bulgarin Mariella. Heute lebt sie in Bielefeld. Anschaffen geht sie nicht mehr. - © Sarah Jonek
Wurde zur Prostitution gezwungen: Die Bulgarin Mariella. Heute lebt sie in Bielefeld. Anschaffen geht sie nicht mehr. | © Sarah Jonek

Bielefeld/Herford Wie Mariella (36) den Ausstieg aus der Zwangsprostitution geschafft hat

Wendepunkte: Die Bulgarin wurde von Freunden ihrer Eltern nach Deutschland gelockt - und zur Prostitution gezwungen

Ariane Mönikes

Bielefeld. Mal waren es drei, mal zehn, immer nachts kamen die Männer zu ihr. Um 18 Uhr begann ihr Job, um 5 Uhr morgens war Feierabend. "Ich habe nicht gezählt, mit wie vielen Männern ich geschlafen habe", sagt Mariella. Aber es müssen Tausende gewesen sein. Mariella war Sexarbeiterin. In ihrem Pass steht ein anderer Name. Sie möchte über ihr Schicksal erzählen, aber nicht erkannt werden. Denn Mariella wurde zur Prostitution gezwungen, gegen Mittelsmänner und Bordell-Besitzer hat sie ausgesagt, drei sitzen wegen Menschenhandels im Gefängnis. Sie ist stark, sagt sie. Aber man wisse nie, wozu diese Männer in der Lage seien. "Die Strukturen sind mafiös", sagt sie. "An meinem 15. Geburtstag kam mein erster Sohn zur Welt" In einem kleinen Ort am Goldstrand in Bulgarien wuchs Mariella auf, dort wo Touristen zum Pauschalpreis Urlaub machen. Sie war gerade in der dritten Klasse, als ihr eine Schulfreundin beim Spielen im Garten erzählte, dass sie adoptiert sei. "Ich sprach meine Eltern darauf an", erzählt sie. Die Freundin hatte die Wahrheit gesagt, als Mariella drei Monate alt war, hatte sie andere Eltern bekommen. "Ich weiß bis heute nicht, woher ich komme und wer meine richtigen Eltern sind", sagt sie. Seit diesem Tag ist im Leben des kleinen Mädchens mit dem dunklen Schopf nichts mehr, wie es war. "Ich bekam Probleme in der Schule und beschäftigte mich immer mehr mit meinen Wurzeln", erzählt sie. Ohne weiterzukommen. "Die Knochen tun weh, die Psyche hat gelitten" Mit 13 verließ sie die Schule, half bei ihren Eltern im Haushalt, passte auf die Tiere auf, die die Familie hatte. Der Vater war streng, das Verhältnis zur Mutter distanziert. Mariella wollte weg. Mit 14 heiratete sie, mitten in der Pubertät. Ihr Mann war 18, Mariella noch ein Kind. Sie wurde schwanger. "An meinem 15. Geburtstag kam mein erster Sohn zur Welt", sagt sie. Aber glücklich wurde sie nicht. Mariella zog zu ihren Eltern, nach sieben Monaten kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Mit 17 wurde sie wieder schwanger, bekam einen zweiten Sohn. Kurze Zeit später kamen die Depressionen, sie musste in eine Klinik. Die Ehe ging in die Brüche, Mariella stand vor dem Nichts. Als Saisonarbeiterin hatte sie am Goldstrand gearbeitet, in Hotels und Restaurants geschuftet. Sie hielt sich gerade so über Wasser, eher schlecht als recht. Da kam das Angebot von Freunden ihrer Eltern gerade recht. In Duisburg könne sie arbeiten und gutes Geld verdienen, versprechen sie ihr. Das war 2007. Sie ging mit, ließ ihre Kinder bei den Eltern ihres Ex-Mannes. Zwei Monate arbeitete sie bei Fremden im Haushalt, dann landete sie im Bordell. Ihr wurde der Ausweis abgenommen, sie wurde zum Sex mit fremden Männern gezwungen. 100 Euro mussten die für eine Stunde mit ihr zahlen, die Hälfte davon kassierten die Zuhälter ein, sagt Mariella. Was sie beim Sex mit ihnen empfunden hat? Nichts, sagt sie. Sie hat ihren Job gemacht, das, was die Freier von ihr verlangten. Perverse Praktiken gehörten dazu. Mehr möchte sie dazu nicht sagen. Die Männer waren 25 oder 40, einige über 70. Gespräche oder Zärtlichkeiten gab es nicht. "Ich war eine Spermapumpe." 2008 konnte sie zurück nach Bulgarien, eine Familie aus Mazedonien, die schon länger in Deutschland lebte, hatte ihr bei der Flucht geholfen. Aber Mariella landete wieder im Bordell, diesmal in Griechenland. Sie sei nicht naiv gewesen, sagt sie. Aber ihr wurden immer wieder Versprechungen gemacht, sie hatte die Aussicht auf bessere Jobs. "Erst arbeitet man im Haushalt, dann im Bordell" "Es fängt immer gleich an: Erst arbeitet man für irgendwelche Leute im Haushalt, dann im Bordell." Über die Niederlande und Frankreich kam sie wieder nach Deutschland. "Ich wurde von einem Sex-Club zum anderen verkauft", sagt sie. Mittelsmänner nahmen ihr den Pass ab, regelten das Geschäftliche. Für 5.000 Euro wurde sie gehandelt, der Preis richtet sich nach Erfahrung und Aussehen, erzählt sie. Ihre letzte Station als Prostituierte war Bielefeld. Hier lernte sie auch ihren damaligen Freund kennen, der ihr eine Wohnung besorgte. Mariella bekam Kontakt zuNadeschda, eine Frauenberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel, und dem Weißen Ring, der in der Opferhilfe unterwegs ist. Mariella kam raus aus der Prostitution, lebt heute mit einem ihrer Söhne in einer kleinen Wohnung. Ein neues Leben hat begonnen. Sechs Jahre ist es her, dass sie ihren letzten Freier bedient hat, aber die Jahre als Prostituierte haben Spuren hinterlassen. "Meine Knochen tun weh und die Psyche hat gelitten", sagt sie. "Ich kann das alles nicht vergessen, was passiert ist." Sie fühle sich manchmal wie ein Kriegsveteran, dem man zwar nichts ansehe, der aber trotzdem ein gebrochener Mensch sei. Mariella will in Deutschland bleiben. Sie sucht einen Job - und ihre leiblichen Eltern. "Das ist jetzt meine Aufgabe", sagt sie.

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