Andreas lebt unter der Brücke an der Bielefelder Arndtstraße. Viele Bielefelder kennen den Mann, der so gerne liest. - © Barbara Franke
Andreas lebt unter der Brücke an der Bielefelder Arndtstraße. Viele Bielefelder kennen den Mann, der so gerne liest. | © Barbara Franke

Bielefeld Seine Eltern sind Banker in Bielefeld - doch Andreas lebt auf der Straße

Obdachlos: Andreas lebt von der "Hand in den Mund" und ist damit zufrieden - er hat ja seine Bücher

Heimo Stefula

Bielefeld. Viele deutsche Medien haben in der letzten Zeit über Andreas berichtet. Der Obdachlose aus Bielefeld hat eine ungewöhnliche Spende bekommen: Ein Bielefelder Imbiss spendiert ihm ein Jahr lang kostenlosen Döner. Doch wer ist der Mann eigentlich? "Der Montag ist ein schlechter Tag", erzählt Andreas uns. Auch der Monatsanfang laufe meist "nicht besonders gut". Andreas muss es wissen, seit November "wohnt" er zwischen Arndtstraße, Elsa-Brändström-Straße und Goldstraße unter der Eisenbahnbrücke. Acht Euro am Tag "Im Schnitt bekomme ich acht Euro an Montagen, das ist knapp für essen, trinken und, ja, ein bisschen Tabak brauche ich auch". Aber es gebe auch gute Momente an Montagen: Sehriban kommt mit ihrem Freund vorbei, der sie von der Arbeit im Kaffee-Laden abgeholt hat. "Hier haste was zu essen", sagt sie und reicht Andreas eine volle Papiertüte mit Backwaren. "Kommt sonst eh in den Müll, schönen Abend noch." Andreas darf man fast als "etabliert" bezeichnen, die Leute kennen ihn, sehen ihn jeden Tag, wenn sie zur Arbeit gehen, geben ihm etwas Kleingeld, etwas zu essen oder Bücher. Anne rauscht mit ihrem Fahrrad vorbei: "Hey, du hast ja die Haare ab!" - und schon klappert es wieder vielversprechend in der Blechbüchse, die vor seinem Lager steht. Friseur schneidet kostenlos "Der Friseur am Emil-Groß-Platz schneidet mir alle sechs Wochen die Haare und rasiert mich, ist doch nett. Das Kinn und die Backen jucken dann auch schon ein bisschen". Der 41-jährige Obdachlose hat sich ganz gut eingelebt, aber sein Leben lief bislang alles andere als rund: Schule abgebrochen in der neunten Klasse, trotzdem Lehre als Schweißer absolviert, Bundeswehr, Fahnenflucht und nach eineinhalb Jahren haben sie ihn erwischt - er kam ins Gefängnis. Und dann kam der Alkohol dazu. Er sagt, er sei clean. "Alles gut. Gib' mir doch bitte einen Kaffee". Seitdem Andreas in Bielefeld ist, hat er sechzehn Kilo abgenommen. "Es ist schon anders hier, in Frankfurt zum Beispiel gehen die Leute eher auf einen zu. Es sind weniger Berührungsängste zu spüren". Freundin hat eine Wohnung Es ist Andreas' eigene Entscheidung, auf der Straße unter der Brücke zu leben. Seine Freundin lebe in einer Eigentumswohnung, aber "da fühle ich mich beengt". Was ist mit Unterstützung von der Stadt? Hartz IV? "Meine Eltern sind beide hohe Tiere bei der Bank. Das kannst du vergessen und da hab' ich auch keinen Bock drauf. Ich hab' mich für eine handwerkliche Ausbildung entschieden. Da hat mein Vater mit mir gebrochen. Ich sollte Banker werden." Na dann wird es wohl eine Art Ersatzfamilie unter den vielen anderen "Pennern" geben, oder? "Hey, sag nicht Penner, das sind die, die sich schon mittags billigen Fusel in den Kopf knallen. Nein, es gibt kaum Kontakt unter den Obdachlosen. Hinten, bei C&A an der Unterführung wohnt Ralle, und hier gleich um die Ecke auf der Wiese, pennt manchmal ein Albaner, aber sonst..." Vermisst er irgend etwas? "Ich lese gerne und viel, die Leute bringen mir Bücher, ich bin sehr dankbar. Ach ja, Tennis guck' ich mir gerne an." Flaschensammler gut organisiert Auch am Samstag lief es schlecht für Andreas. Arminia Bielefeld hat gegen Düsseldorf gespielt, das sind eigentlich Andreas' gute Tage. "Hey, guck mal. Das hier ist alles, obwohl Arminia gespielt hat". Der Obdachlose zeigt auf eine Plastiktüte mit Pfandflaschen. Seine Ausbeute ist gering. Die "lukrativen" Bierdosen fehlen. "Die anderen Pfandsammler, die 'Pfandpiraten', sind ganz gut durchorganisiert in der Stadt. Bei Großveranstaltungen wie Heimspielen auf der Alm, Stadtteilfesten, dem Leinewebermarkt oder dem Carnival der Kulturen greifen sie mit Bollerwagen bewaffnet alles ab. Viel bleibt mir da nicht. Aber was soll's. Mir geht es gut." Der Mann unter der Brücke ruht in sich selbst. Lesen Sie auch: Bielefelder Obdachloser darf jetzt ein Jahr lang kostenlos Döner essen

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