Geboren in Saigon: Die Autorin Que Du Luu lebt in Bielefeld. - © Foto: Thomas Siekmann
Geboren in Saigon: Die Autorin Que Du Luu lebt in Bielefeld. | © Foto: Thomas Siekmann

Bünde Für Buchpreis nominiert: "Ich wollte nicht anders sein"

Heute wird auf der Frankfurter Buchmesse der Jugendliteraturpreis verliehen. Die Autorin Que Du Luu ist mit ihrem neuen Roman "Im Jahr des Affen" nominiert. Am 17. Oktober liest sie in Bünde

Anne Webler

Bünde. Zwei Szenen erinnert Que Du Luu von ihrer Flucht aus Vietnam: In der einen rollt sie im Dunkeln auf Holzboden hin und her, es stinkt nach Erbrochenem. In der anderen sitzt sie mit ihrer Mutter, ihren zwei älteren Geschwistern und einer fremden Frau in einer Gefängniszelle. Der Holzboden gehörte dem Flüchtlingsboot, in dem die Familie Luu 1976 aus Vietnam flüchtete. Que Du Luu war drei Jahre alt. "Während einer Sturmnacht waren wir nicht sicher, ob wir durchkommen würden", erzählt die Autorin. Sie landeten in Singapur an, dort durften sie aber nicht bleiben. Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt, in dem sich die zweite Szene einbrannte, geleiteten mit Gewehren bewaffnete Wachen die Familie zu einem Boot. "Gegen Bezahlung wurden unsere Vorräte aufgefüllt, dann wurden wir mit 30 anderen Flüchtlingen zurück aufs Meer geschleppt." "Relativ schnell" seien sie in Thailand angekommen. Dort verbrachte die Familie ein Jahr im Flüchtlingslager, bevor sie nach Deutschland kam. Que Du Luu wuchs in Herford auf, ihre Eltern führten das China-Restaurant "Peking" in Bielefeld an der Ritterstraße.  "Wann gehst du zurück?" Beide Flucht-Szenen hat Luu in ihrem neuen Roman "Im Jahr des Affen" verarbeitet, aus dem sie am Dienstag in der Stadtbibliothek liest und mit dem sie für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist. Darin sucht Mini ihre Identität zwischen ihren chinesischen Wurzeln und dem Leben in Deutschland. Sie wurde 1973 in Saigon geboren, heute heißt die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt. Luus Eltern sind Chinesen, die Familie wohnte im riesigen Chinatown Cholon, in dem eine Million Chinesen lebten, erzählt Luu. "Diese so genannten Auslandschinesen haben unter sich gelebt mit chinesischen Schulen, chinesischen Restaurants, einem chinesischen Krankenhaus." In Deutschland wurde Luu immer wieder mit ihrem Anderssein konfrontiert. "Wann gehst du zurück?", wurde sie immer wieder gefragt. Ihr war es unangenehm, wenn sie gefragt wurde, ob sie aus Nord- oder Süd-Vietnam stamme. Sie wollte nicht immer wieder darauf gestoßen werden, dass sie "woanders wegkam", sagt Luu ganz ostwestfälisch. "Ich hatte immer deutsche Freunde und habe mich deutsch gefühlt. Ich wollte nicht anders sein", sagt die 44-Jährige. Sie dachte, sie wäre genauso wie ihre Freunde. "Man guckt ja nicht ständig in den Spiegel." Doch den hielten ihr andere immer wieder vor. "Ching, chang, chong, Chinese im Karton", riefen ihr Kinder auf der Straße zu. "Aber nur, wenn sie in der Gruppe unterwegs waren." Kam ihr eins der Kinder allein entgegen, sagte es nichts. "Damals habe ich gelernt, was Feigheit bedeutet", sagt Luu. DAS BUCH "Im Jahr des Affen" handelt von der Suche nach Identität, von der Frage "Wer bin ich?". Die biografischen Parallelen seien hier offensichtlicher als in ihren anderen beiden Büchern, sagt Luu. "Mini ist ein normaler Teenager, dessen Leben sich um Schule, Disko und Freundinnen dreht." Nach dem Herzinfarkt ihres Vaters springt sie im Restaurant der Eltern ein und ihr sehr traditioneller Onkel Wu kommt zu Besuch. Er ist entsetzt, dass Mini nicht mehr so gut Chinesisch spricht. Sie beginnt, sich mit ihrer Vergangenheit und Flucht zu befassen. "Am Anfang ist sie pubertär und egoistisch, dann entwickelt sie Mitgefühl", sagt Luu. "Mini nimmt Teile von sich an, die sie vorher nicht akzeptiert hat."

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