Glücksspiel oder Taktik-Sport? Poker spaltet die Gemüter. - © picture alliance / abaca
Glücksspiel oder Taktik-Sport? Poker spaltet die Gemüter. | © picture alliance / abaca

Bielefeld Pokern ohne Sucht? Ein Halbprofi aus Bielefeld erzählt, ein Forscher erwidert

Pokern mit System schützt vor Verlust: Das ist Dennis Küpkes Ansatz / Warum die scheinbare Berechenbarkeit vielen Spielern zum Verhängnis wird, erklärt Forscher Gerhard Meyer

Björn Vahle

Bielefeld. Pokern ist ein besonders suchterzeugendes Glücksspiel. Sagt die Wissenschaft. Muss es nicht sein, sagt einer, der es seit Jahren semiprofessionell spielt. Alles nur Geschicklichkeit, sagt er. Das ist ja das Problem, erwidert einer der renommiertesten Suchtforscher Deutschlands. Was stimmt denn nun? Die Geschichte beginnt wie eine, die sich später zur Tragödie auswächst. Dennis Küpke hat eine junge Familie, gerade ein Haus gebaut. Und er pokert. Leidenschaftlich, zwei-, dreimal die Woche. Aber: Nie mit eigenem Geld. "Poker", sagt Dennis, "steht immer noch in einem Licht, in das es zum Teil auch gehört. Ich sehe es trotzdem eher als Taktik-Sport mit einem gewissen Risiko, denn es geht natürlich um Geld." Dennis spielt in einer Gruppe, jeder Gewinn wird geteilt. Von der eigenen, mittlerweile gut gefüllten "Bankroll" werden die Buy-Ins, die Startgelder für Turniere, bezahlt. Das Schlimmste was also passieren kann, ist, dass man das Startgeld löhnt und nichts gewinnt. Dann sind hundert Euro pro Spieler weg. Von den gemeinsamen Gewinnen, nicht vom eigenen Geld, sagt Dennis. Er trennt klar zwischen "seinem" Spiel und dem Zocken, dem Cash Game, an dem Existenzen zugrunde gehen und das er gar nicht spielt. Pokern könne man trainieren, mit Berechnung - mathematisch wie psychologisch - den Glücksfaktor minimieren. Klingt logisch. Motive fürs Spielen können sich ändern Eine knappe halbe Globusumdrehung zurück, in Las Vegas, stimmt Gerhard Meyer am Telefon grundsätzlich zu. Der renommierte Psychologe und Glücksspielforscher von der Uni Bremen besucht dort die Glücksspielmesse G2E, wo, so seine Beobachtung, immer mehr auf Geschicklichkeitsspiele gesetzt wird. Deren scheinbare Berechenbarkeit sei, wie beim Pokern, ja gerade der Grund für das hohe Suchtpotenzial, sagt Meyer. "Diese Annahme führt dazu, dass Strategien, die ganz zufällig zum Erfolg führen, weiterverfolgt werden", sagt Meyer. Spiele man nur Turniere oder im Freundeskreis, wo der Spielanreiz weniger das Geld als vielmehr der Wettbewerb untereinander ist, ja, da sei das Suchtpotenzial geringer. Aber nichtsdestotrotz vorhanden. Denn: "Der Glücksfaktor bleibt entscheidend." Das hat Meyer experimentell untersucht. Experten und Laien bekamen in 60 Spielrunden dieselben Kartenfolgen ausgespielt. Das Ergebnis: Die Karten sind entscheidender Faktor, nicht das Können. "Auf lange Sicht", gibt Meyer zu, "kann ein Experte seine Kenntnisse sicher gewinnbringend einsetzen. Aber dann kann auch schon eine Menge Geld verloren und das Motiv fürs Spielen ein ganz anderes sein." Soll heißen: Wer verliert, kann auch deshalb weiterspielen, um nicht noch mehr zu verlieren. Es ist die angesprochene Tragödie, zu der das Glücksspiel führen kann. "Mal 1.000, mal 1.500 Euro" Dennis' Geschichte wird nicht zur Tragödie. Er hat seine Leidenschaft nie zum Geheimnis gemacht, "weil ich weiß, in welchem Licht das Spiel steht". Na klar sagt seine Frau bis heute "ach, schon wieder...". Dennoch erfährt er "eher Zuspruch als Ablehnung". Auch, weil er ja "mal tausend, mal 1.500 Euro nach Hause" bringt. Das, was am meisten reinhaut, ist der Zeitaufwand. Bei Turnieren ist Dennis in der Freizeit acht Stunden pro Tag für die Familie abgemeldet. Und es gibt Turniere, die drei Tage dauern. Wenn dann eine falsche Entscheidung den gesamten Gewinn kostet, dann ist das mehr als ärgerlich. Auch, wenn man - aus finanzieller Sicht - nur die Startgebühr verloren hat. Zuletzt war das so. Da hat Dennis nichts gewonnen. "Egal, was ich versucht habe. Dann habe ich gesagt, ich mache Pause. Und dann habe ich gar kein Problem damit, zwei, drei Monate nicht zu spielen." Wie gesagt, keine Tragödie.

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