Dramatisch: Die großen Schiffe aus dem Hafen der Karibikinsel St. Martin wurden von Hurrikan Irma wie Spielzeugschiffchen aufs Land geschleudert. 95 Prozent der Gebäude wurden beschädigt oder ganz zerstört. - © Sandra Haselhorst
Dramatisch: Die großen Schiffe aus dem Hafen der Karibikinsel St. Martin wurden von Hurrikan Irma wie Spielzeugschiffchen aufs Land geschleudert. 95 Prozent der Gebäude wurden beschädigt oder ganz zerstört. | © Sandra Haselhorst

Bielefeld Hurrikan "Irma" bedrohte die Existenz von Arminias Ex-Stadionkoch

Drei Bielefelder erleben im Zentrum des Megasturms Todesängste. Freunde aus Bielefeld wollen jetzt als Helfer nach St. Martin auf die Kleinen Antillen fliegen und sammeln Spenden

Jens Reichenbach

Bielefeld. Bis 2010 waren Christian Wolfes und seine Partnerin Tanja Schur bekannte Größen auf der Alm - nicht nur als Fans. Wolfes war jahrelang Stadionkoch. Trotzdem lösten sich beide vor sechs Jahren vom besten Club am Teutoburger Wald und erfüllten sich einen anderen Traum: , auf der Kleinen-Antillen-Insel St. Martin. Ein Traum, der am 6. September für sie zum Alptraum wurde. Obwohl die beiden auf der französischen Insel St. Martin ein hurrikansicheres Haus bewohnen, fegte an jenem Tag Hurrikan "Irma" mit einer unvorstellbaren Gewalt über die Insel. Der Rekordsturm zerstörte fast ihre gesamte Existenz, riss Teile des Daches ab, über Stunden verharrten sie in Todesangst in einem begehbaren Kleiderschrank. Ausgerechnet an jenem schwarzen Tag war die Bielefelderin Sandra Haselhorst (40) bei den Auswanderern zu Gast. "Ich kenne die beiden von Arminia", berichtet sie. Erst Wochen nach dem brutalen Wetterereignis kann das ehemalige Vorstandsmitglied des Schwarz-Weiß-Blauen Daches, einer Fanorganisation, darüber sprechen: "Wir wussten, dass ein schwerer Sturm kommen würde. Aber was dann kam, haben selbst Tanja und Christian nicht erwartet." "Tanja schrie nur: Lauft in die Mitte des Hauses" Vier Hurrikans hatten sie bereits über sich ergehen lassen, aber keiner traf die Insel St. Martin so schwer wie Irma. "Am Abend vorher haben wir noch einen wunderschönen Sonnenuntergang auf der Terrasse erlebt", so Haselhorst. Doch in der Nacht brach der Sturm los. "Bis uns das Auge des Sturms am Morgen erreicht hatte, dachten wir, wir überstehen das gut", erinnert sich die 40-Jährige, die inzwischen in Hessen lebt. Doch nach der Stille, die das Auge mitbrachte, drehte der Sturm frontal auf das am Berg gelegene Anwesen des Promikochs und seiner Partnerin. "Erst sind die Pfeiler des Terrassendachs weggebrochen und plötzlich ging das Dach hoch. Tanja schrie nur: Lauft in die Mitte des Hauses", berichtet Haselhorst. Ausharren im Dunkeln und bei ohrenbeträubendem Lärm Die Auswanderer umklammerten sich im begehbaren Kleiderschrank und ihr Gast auf der Toilette im Badezimmer. Über Stunden harrten sie dort aus: "Der Sturm war enorm laut, die Verkleidung des Blechdaches schlug immer wieder hoch und runter. Obwohl es 8 Uhr morgens war, war alles stockfinster. Ich habe die ganze Zeit gedacht: Ich sterbe." Tanja Schur hatte immer wieder durch die Wand gerufen, wie es der 40-Jährigen gehe. "Ich habe es nicht gehört." Wolfes formulierte es gegenüber der Zeitung B.Z. später so: "Wir haben dem Tod ins Auge geblickt. Aber wir leben." Tatsächlich war Irma nicht nur extrem stark, sondern auch sehr schnell. "Das war unser Glück. Irma wütete vielleicht nur 15 Stunden. Andere Hurrikans haben doppelt so lange an den Häusern gerissen." Die drei Bielefelder blieben in dem stockfinsteren Innenteil des Hauses unversehrt. Später erfuhren sie, dass keine 400 Meter entfernt eine sechsköpfige Familie in ihrem Haus zu Tode gekommen war. Die Auswanderer machten sich einen Tag nach Irma auf die Suche nach Freunden und Bekannten. Die Zerstörung auf der Insel war enorm. Plünderer sorgten für Angst und Schrecken Doch der Schrecken war noch nicht ausgestanden. Plünderer machten die Insel unsicher. Christian Wolfes hatte zum Glück drei Hunde, ein Freund gab ihnen zum EIgenschutz eine Waffe. Erst langsam und nach mehreren Tagen konnte die Staatsgewalt wieder für Sicherheit sorgen. Wie chaotisch vieles in den ersten Tagen ablief, erlebte Sandra Haselhorst bei ihrem Versuch, nach Hause zu kommen: Der Flughafen auf der französischen Seite war zerstört und die Grenze zum holländischen Teil der Insel war gesperrt. Zusagen der Fluggesellschaften verpufften wie Luftblasen, Flüge wurden storniert, die deutsche, französische und holländische Botschaft bemühten sich zunächst vergeblich um Lösungen. "Ich saß fest." Schließlich habe sie Wolfes trotz der geschlossenen Grenze auf die holländische Seite geschmuggelt. Auf dem Rollfeld vor dem völlig zerstörten Flughafengebäude wurden Ausreisen mit Militärflugzeugen organisiert. Trauma: Noch heute schreckt sie hoch, wenn es irgendwo knallt "Holländer, Amerikaner und Kanadier hatten aber Vorrang." Am Ende erreichte die 40-Jährige mit viel Glück eine französische Militärmaschine, die ohne Landeerlaubnis auf St. Maarten gelandet war und kam über Martinique nach Paris. "Ich war enttäuscht von Air France und von der deutschen Botschaft", resümiert Haselhorst ihre mehr als anderthalbwöchige Odyssee zurück nach Europa. "Es leben 800 Deutsche auf der französischen Seite der Insel, trotzdem wurde ihnen nicht geholfen." Die Folgen der Katastrophe sind für die 40-Jährige noch spürbar: Noch heute schläft die Bielefelderin schlecht, schreckt hoch, wenn es irgendwo knallt. Christian Wolfes und Tanja Schur lebten drei Wochen lang ohne Strom und Wasser, ohne Kühlschrank und Telefon. Nur sporadisch erhielten die Familienangehörigen Rückmeldungen von ihnen. Vater Wolfes: "Ich habe keine Nacht geschlafen. Erst nach einer Woche habe ich gewusst, dass es ihnen gut geht." Es war der Tag, an dem Sandra Haselhorst es endlich von St. Martin nach Martinique geschaffte hatte. Trotz der ausgestanden Angst, weiß der 80-Jährige heute: "St. Martin ist ein Traum von meinem Sohn. Er will weitermachen. Er kämpft, er schafft das auch." Rekord-Hurrikan Hurrikan Irma war laut Wikipedia der stärkste atlantische Hurrikan außerhalb des Golfs von Mexiko und des Karibischen Meeres. Irmas Spitzengeschwindigkeit von 297 km/h war die zweithöchste im atlantischen Becken. Diese Geschwindigkeit hielt der Sturm 37 Stunden lang. Der bisherige Rekordsturm hatte das Maximum 24 Stunden lang gehalten. Das Auge des Hurrikans zog am 6. September – nahezu auf Höchstintensität – über die Inseln Antigua, Barbuda, St. Barthelemy und St. Martin/St. Maarten. Dabei starben 13 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Mehr als 90 Prozent der Gebäude wurde beschädigt oder zerstört.

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